Wann gilt jemand als armutsgefährdet? Die Antwort klingt einfach: wenn das Einkommen unter einer bestimmten Schwelle liegt. Doch hinter dieser Schwelle steckt eine präzise Methodik, die Haushaltsgröße, nationales Einkommensniveau und internationale Vergleichbarkeit berücksichtigt. Ein Verständnis der Berechnung hilft, Armutszahlen richtig einzuordnen.
Auf einen Blick
- Schwelle
- 60 % des nationalen Medianäquivalenzeinkommens
- Median
- Mittlerer Wert: 50 % verdienen mehr, 50 % weniger
- Äquivalenzeinkommen
- Haushaltseinkommen geteilt durch Gewichtungssumme der Mitglieder
- Datenquelle
- EU-SILC (Survey on Income and Living Conditions) — jährliche Erhebung
- Relative Armut
- Die Schwelle passt sich dem Lebensstandard des jeweiligen Landes an
Schritt für Schritt: So wird Armutsgefährdung berechnet
Die Berechnung folgt einem klaren mehrstufigen Verfahren:
Schritt 1: Haushaltseinkommen ermitteln
Zunächst wird das gesamte verfügbare Haushaltsnettoeinkommen ermittelt. Dazu gehören Löhne und Gehälter, Renten, Sozialleistungen, Mieteinnahmen und andere Einkommensquellen. Steuern und Sozialversicherungsbeiträge werden abgezogen.
Schritt 2: Äquivalenzeinkommen berechnen
Das Haushaltseinkommen wird durch eine Gewichtungszahl geteilt, um die Haushaltsgröße zu berücksichtigen. Größere Haushalte brauchen mehr Geld, profitieren aber auch von Synergieeffekten (eine Wohnung, ein Kühlschrank).
Die OECD-Äquivalenzskala (modifiziert):
Jede weitere Person ab 14 Jahren = 0,5
Jedes Kind unter 14 Jahren = 0,3
Beispiel: 2 Erwachsene, 1 Kind (8 Jahre) → Gewichtung: 1,0 + 0,5 + 0,3 = 1,8
Bei 3.600 € Nettoeinkommen: 3.600 ÷ 1,8 = 2.000 € Äquivalenzeinkommen
Schritt 3: Median aller Äquivalenzeinkommen ermitteln
Alle Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung werden sortiert. Der Medianwert ist der mittlere Wert — 50 Prozent der Bevölkerung haben ein höheres Äquivalenzeinkommen, 50 Prozent ein niedrigeres. Der Median ist robuster als der Durchschnitt, weil er von extremen Werten an den Rändern weniger beeinflusst wird.
Schritt 4: Schwelle berechnen und anwenden
Die Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 60 Prozent dieses Medians. Wessen Äquivalenzeinkommen darunter liegt, gilt als armutsgefährdet. Die Schwelle ist ein relatives Maß: Sie steigt, wenn das allgemeine Einkommensniveau steigt.
Was sagt die Armutsgefährdungsquote aus — und was nicht?
Die Armutsgefährdungsquote misst relative Armut: den Abstand zum gesellschaftlichen Durchschnitt. Sie beantwortet die Frage, wer deutlich weniger hat als die Mitte der Gesellschaft. Was sie nicht misst: absolute Armut (ob jemand das Existenzminimum sichern kann), Vermögen oder die konkreten Lebensbedingungen.
Das hat wichtige Konsequenzen. In einer sehr reichen Gesellschaft kann die Armutsschwelle nominell hoch sein, ohne dass jemand "wirklich arm" im absoluten Sinne ist. In einer sehr armen Gesellschaft kann die Schwelle niedrig sein, während das tatsächliche Elend groß ist. Deshalb ergänzen Indikatoren wie materielle Entbehrung und der AROPE-Indikator die reine Einkommensmessung.
Warum gibt es verschiedene Armutszahlen in der Berichterstattung?
Je nach Quelle und Methode können sich Armutszahlen unterscheiden. Hauptgründe:
- Unterschiedliche Schwellen: 50 %, 60 % oder 70 % des Medians — je nach Schwelle ändern sich die Quoten erheblich
- Unterschiedliche Einkommensbegriffe: Vor oder nach Sozialleistungen, mit oder ohne Mietwert selbstgenutzten Eigentums
- Unterschiedliche Datenquellen: EU-SILC, Mikrozensus, Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS)
- Unterschiedliche Haushaltsdefinitionen
In der offiziellen europäischen Berichterstattung wird die 60-Prozent-Schwelle auf Basis von EU-SILC-Daten verwendet — das ist der internationale Standard.