Wer wenig Geld hat, kann sich bestimmte Dinge nicht leisten — aber Geldmangel und materielle Entbehrung sind nicht dasselbe. Materielle Entbehrung beschreibt konkrete Einschränkungen im Alltag: keine Mahlzeit mit Fleisch jeden zweiten Tag, kein Geld für unerwartete Ausgaben, die Wohnung kann nicht angemessen geheizt werden. In der europäischen Sozialberichterstattung werden 13 solcher Kriterien abgefragt, um Entbehrung präzise zu messen.
Abgrenzung der Stufen
- Deprivation
- Mindestens 1 von 13 Kriterien unfreiwillig nicht erfüllt
- Erheblich
- Mindestens 5 von 13 Kriterien unfreiwillig nicht erfüllt
- Unfreiwillig
- Einschränkung nicht aus Wahl (z. B. Vegetarismus), sondern aus Geldmangel
- Haushalts-Kriterien
- 7 Kriterien beziehen sich auf den gesamten Haushalt
- Individual-Kriterien
- 6 Kriterien beziehen sich auf die einzelne Person
Die 13 Kriterien im Überblick
Die Erhebung fragt, ob bestimmte Dinge aus finanziellen Gründen nicht möglich sind — nicht weil man sie ablehnt, sondern weil das Geld fehlt. Hier sind alle 13 Kriterien:
Was unterscheidet Entbehrung von Einkommensarmut?
Die Armutsgefährdungsgrenze liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens. Wer darunter liegt, gilt als einkommensarm. Materielle Entbehrung misst jedoch unabhängig davon, was sich jemand tatsächlich leisten kann. Beides zusammen ergibt ein vollständigeres Bild.
Es gibt Menschen, die über der Einkommensgrenze liegen, aber trotzdem erhebliche materielle Entbehrungen erleben — zum Beispiel weil sie Schulden abzahlen, hohe Wohnkosten tragen oder eine große Familie versorgen. Umgekehrt gibt es Menschen unter der Einkommensgrenze, die dank Ersparnissen oder gegenseitiger Unterstützung im Verwandtenkreis keine Entbehrungen erfahren.
Die Kombination beider Messinstrumente — Einkommensarmut und materielle Entbehrung — zusammen mit dem Kriterium der Erwerbsbeteiligung ergibt den AROPE-Indikator, das zentrale europäische Maß für Armut und soziale Ausgrenzung. Wer bei mindestens einem der drei Kriterien betroffen ist, gilt als armutsgefährdet oder sozial ausgegrenzt.
Wer ist besonders von erheblicher Entbehrung betroffen?
Erhebliche materielle und soziale Entbehrung — also das Fehlen von fünf oder mehr Kriterien — trifft vor allem Haushalte im untersten Einkommensbereich. Im ärmsten Einkommensquintil sind 79,3 Prozent der Menschen vom AROPE-Indikator erfasst. Erhebliche Entbehrung ist ein starkes Signal für tiefe, dauerhafte Armut.
Besonders gefährdet sind Haushalte ohne Erwerbseinkommen, Alleinerziehende, ältere Menschen mit niedrigen Renten und Menschen in atypischer Beschäftigung. Regionale Unterschiede spielen ebenfalls eine Rolle: In Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigem Lohnniveau sind die Quoten erhöhter Entbehrung höher.
Einige Kriterien sind in Deutschland seltener unerfüllt als in anderen EU-Ländern — etwa das Vorhandensein einer Waschmaschine oder eines Telefons. Bei anderen — wie dem Urlaub oder dem Aufbringen unerwarteter Ausgaben — ist der Anteil der Betroffenen deutlich höher.
Was bedeutet das für betroffene Haushalte?
Materielle Entbehrung ist mehr als Geldmangel — sie betrifft soziale Teilhabe, Würde und Gesundheit. Wer keine Freunde einladen kann, nicht in den Urlaub fährt und keine unerwarteten Kosten tragen kann, ist auch sozial ausgegrenzt. Das wirkt sich auf Wohlbefinden, psychische Gesundheit und Chancen der Kinder aus.
Staatliche Leistungen können helfen, einzelne Kriterien zu erfüllen. Wohngeld mindert die Last durch Mietkosten, das Bürgergeld soll Grundbedürfnisse sichern, und Bildungs- und Teilhabeleistungen für Kinder decken Teile der sozialen Kriterien ab. Allerdings reichen diese Leistungen nicht immer aus, um alle Entbehrungsdimensionen zu schließen.