Altersvorsorge

Altersvorsorge in Deutschland: Wer gut vorbereitet ist — und wer nicht

Gesetzliche Rente, Riestervertrag, Patientenverfuegung: Die Altersvorsorge in Deutschland ist ein Flickenteppich aus oeffentlichen und privaten Bausteinen. Wer dabei auf der Strecke bleibt, landet im Alter unter dem Existenzminimum.

Schluesselzahlen

18.000 €
Durchschnittliches Riester-Vermögen pro Haushalt mit Riestervertrag
45,1%
Anteil der aeltesten Altersgruppe mit Patientenverfuegung
Frauen
Verfuegen haeufiger als Maenner ueber eine Vorsorgevollmacht
>1 Mio.
Personen im Rentenalter beziehen staatliche Grundsicherung

Drei Sauelen — eine traegt weniger als versprochen

Das deutsche Altersvorsorgesystem besteht aus drei Sauelen: der gesetzlichen Rentenversicherung, der betrieblichen Altersvorsorge und der privaten Vorsorge. Im Idealfall erganzen sich alle drei zu einer ausreichenden Versorgung im Ruhestand. In der Realitaet ist das Bild differenzierter: Viele Menschen haben kaum Zugaenge zur zweiten und dritten Saeule — oder nutzen sie nicht.

Die gesetzliche Rente allein reicht fuer viele Menschen nicht mehr aus, um den Lebensstandard zu halten oder auch nur die Grundbeduergnisse komfortabel zu decken. Unterbrochene Erwerbsbiografien, lange Phasen in Teilzeit, Niedriglohnarbeit oder Selbstaendigkeit ohne Rentenversicherungspflicht hinterlassen Luecken, die im Alter direkt zu spueren sind.

Kurzantwort: Das deutsche Altersvorsorgesystem baut auf drei Sauelen, von denen die gesetzliche Rente allein oft nicht ausreicht. Private und betriebliche Vorsorge schliessen Luecken — sind aber ungleich verteilt.

Riester: Popular, aber ungleich verbreitet

Die Riester-Rente ist das bekannteste Instrument der staatlich gefoerderten privaten Altersvorsorge. Wer einen Riestervertrag besparte und besparte, hat im Durchschnitt ein angespartes Vermoegen von rund 18.000 Euro pro Haushalt mit Riestervertrag aufgebaut. Das ist ein Puffer — aber kein Schutz vor Altersarmut, wenn weitere Einkommensquellen fehlen.

Problematisch ist vor allem, wer keinen Riestervertrag hat: Selbstaendige sind grundsaetzlich ausgeschlossen, Geringverdiener nehmen trotz staatlicher Foerderung seltener teil, und Personen mit unstetem Erwerbsleben haben Schwierigkeiten, Beitraege durchzuhalten. Die Foerderung ist so gestaltet, dass sie vergleichsweise stabilen Erwerbsbiografien nutzt — genau jenen, die Altersarmut ohnehin weniger droht.

Kurzantwort: Haushalte mit Riestervertrag haben im Schnitt rund 18.000 Euro angespart. Das Instrument erreicht aber gerade jene am wenigsten, die spaeter am starksten auf Altersvorsorge angewiesen waeren.

Rechtliche Vorsorge: Patientenverfuegung und Vollmacht

Altersvorsorge bedeutet nicht nur finanziell — auch rechtlich. Wer entscheidet, wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann? Patientenverfuegungen und Vorsorgevollmachten sind die wichtigsten Instrumente dafuer, aber ihre Verbreitung ist ungleich.

Rund 45 Prozent der aeltesten Befragten gaben an, eine Patientenverfuegung zu haben. Das ist eine deutliche Mehrheit — aber eben auch: mehr als die Haelfte hat keine. Vorsorgevollmachten — die jemandem das Recht geben, in medizinischen und finanziellen Angelegenheiten zu entscheiden — sind haeufiger bei Frauen als bei Maennern verbreitet. Das spiegelt moeglicherweise wider, dass Frauen statistisch laenger leben und sich fruehzeitiger mit diesem Thema befassen.

Wer keine solche Vorsorge trifft, riskiert, dass im Ernstfall Gerichte einen gesetzlichen Betreuer einsetzen — ein Prozess, der fuer Familien belastend sein kann und nicht immer den eigenen Wuenschen entspricht.

Kurzantwort: Fast die Haelfte der aeltesten Altersgruppe hat eine Patientenverfuegung. Vorsorgevollmachten sind bei Frauen haeufiger als bei Maennern. Wer rechtlich nicht vorsorgt, ueberlasst Entscheidungen im Ernstfall anderen.

Wer faellt durch das Raster?

Maria, 67, hat 30 Jahre als Reinigungskraft gearbeitet — unterbrochen von zwei Phasen, in denen sie Kinder erzogen und Angehoerige gepflegt hat. Ihre gesetzliche Rente liegt deutlich unter 1.000 Euro im Monat. Eine Riester-Rente hat sie nie abgeschlossen. Betriebliche Altersvorsorge gab es in ihrer Branche nicht. Was bleibt, ist die staatliche Grundsicherung.

Marias Geschichte ist keine Ausnahme. Frauen, Geringverdiener, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen in atypischen Beschaeftigungsverhaeltnissen sind ueberdurchschnittlich oft von Altersarmut bedroht. Ihnen fehlen systematisch die Zugaenge zur zweiten und dritten Vorsaeule, die andere absichern.

Ueber eine Million Menschen im Rentenalter beziehen staatliche Grundsicherung — das ist ein Indiz dafuer, dass das System fuer einen erheblichen Teil der Bevoelkerung nicht ausreichend funktioniert.

Kurzantwort: Frauen, Geringverdiener und Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien haben systematisch schlechtere Zugaenge zur privaten und betrieblichen Altersvorsorge. Ueber eine Million Menschen beziehen trotz langer Erwerbsbiografien Grundsicherung im Alter.

Was man tun kann — und was die Politik tun muesste

Wer individuell vorsorgen will, kann: fruehzeitig einen Riester- oder betrieblichen Vertrag abschliessen, Vorsorgevollmacht und Patientenverfuegung aufsetzen und rulegelmaessig den Renteninformationsbrief der Deutschen Rentenversicherung pruefen, um Luecken zu erkennen.

Strukturell braucht es mehr: eine Reform der Grundrente, die Luecken durch Care-Arbeit besser beruecksichtigt; breitere betriebliche Vorsorge auch in Niedriglohnbranchen; und eine Foerderstruktur, die Geringverdiener wirklich erreicht und nicht nur gut verdienende Festangestellte bevorteilt.

Kurzantwort: Individuelle Vorsorge ist moeglich und sinnvoll. Strukturell braucht es politische Reformen, die Care-Arbeit besser rentenwirksam machen und Geringverdiener wirklich in die Vorsorge einbeziehen.

Auf einen Blick: Altersvorsorge in Deutschland

Definition
Gesamtheit aller Massnahmen zur finanziellen und rechtlichen Absicherung im Alter — gesetzlich, betrieblich, privat
Risiko
Altersarmut besonders bei Frauen, Geringverdienern und Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien
Riester-Schnitt
Ca. 18.000 Euro angespartes Vermoegen je Haushalt mit Riestervertrag
Rechtliche Vorsorge
45,1% der aeltesten Altersgruppe haben Patientenverfuegung; Vorsorgevollmacht haeufiger bei Frauen
Grundsicherung
Ueber 1 Million Personen im Rentenalter auf staatliche Grundsicherung angewiesen
Haeufiger Irrtum
Viele glauben, dass Riester-Foerderung alle gleichermassen erreicht. Tatsaechlich profitieren stabile Vollzeitbeschaeftigte am staerksten — genau jene, die Altersarmut am wenigsten droht.

Haeufige Fragen zur Altersvorsorge

Reicht die gesetzliche Rente zum Leben?
Fuer viele Menschen reicht die gesetzliche Rente allein nicht aus, um den Lebensstandard zu erhalten — insbesondere nach unterbrochenen Erwerbsbiografien, langen Phasen in Teilzeit oder Niedriglohnbeschaeftigung. Wer auf Grundsicherungsniveau landet, hat Anspruch auf ergaenzende staatliche Leistungen, lebt aber deutlich unterhalb des gesellschaftlichen Durchschnitts.
Lohnt sich ein Riestervertrag?
Das haengt stark von der individuellen Situation ab. Fuer Familien mit Kindern und festem Einkommen kann sich Riester lohnen, weil staatliche Zulagen die Rendite verbessern. Fuer Geringverdiener oder Menschen mit unregelmaessigem Einkommen ist die Bilanz schlechter — Beitraege koennen schwer durchgehalten werden, und die Kosten mancher Vertraege fressen einen Teil der Rendite auf. Eine unabhaengige Verbraucherberatung hilft bei der Einschaetzung.
Was ist der Unterschied zwischen Patientenverfuegung und Vorsorgevollmacht?
Die Patientenverfuegung legt fest, welche medizinischen Massnahmen im Fall der Entscheidungsunfaehigkeit gewuenscht oder abgelehnt werden — zum Beispiel bezueglich kuenstlicher Ernaehrung oder Reanimation. Die Vorsorgevollmacht geht weiter: Sie beauftragt eine bestimmte Person, alle oder ausgewaehlte Entscheidungen zu treffen — medizinische, finanzielle, rechtliche. Beide Dokumente sollten schriftlich vorliegen und regelmaessig aktualisiert werden.
Wer ist besonders von Altersarmut bedroht?
Besonders gefaehrdet sind Frauen, die lange in Teilzeit gearbeitet oder unbezahlte Sorgearbeit geleistet haben; Menschen in Branchen ohne betriebliche Altersvorsorge; Selbstaendige ohne Rentenversicherungspflicht; und Menschen mit Migrationshintergrund, die spaeter ins deutsche Rentensystem eingestiegen sind oder Anerkennung auslaendischer Rentenansprueche benoetigen.
Was bringt die Grundrente?
Die Grundrente verbessert die gesetzliche Rente fuer Menschen, die lange gearbeitet, aber wenig verdient haben. Sie wirkt als Aufwertung der Rentenpunkte und greift ab 33 Beitragsjahren. Sie hilft, setzt aber voraus, dass ueberhaupt genuegend Beitragsjahre vorhanden sind — wer lange nicht versicherungspflichtig beschaeftigt war, profitiert weniger oder gar nicht.