Drei Sauelen — eine traegt weniger als versprochen
Das deutsche Altersvorsorgesystem besteht aus drei Sauelen: der gesetzlichen Rentenversicherung, der betrieblichen Altersvorsorge und der privaten Vorsorge. Im Idealfall erganzen sich alle drei zu einer ausreichenden Versorgung im Ruhestand. In der Realitaet ist das Bild differenzierter: Viele Menschen haben kaum Zugaenge zur zweiten und dritten Saeule — oder nutzen sie nicht.
Die gesetzliche Rente allein reicht fuer viele Menschen nicht mehr aus, um den Lebensstandard zu halten oder auch nur die Grundbeduergnisse komfortabel zu decken. Unterbrochene Erwerbsbiografien, lange Phasen in Teilzeit, Niedriglohnarbeit oder Selbstaendigkeit ohne Rentenversicherungspflicht hinterlassen Luecken, die im Alter direkt zu spueren sind.
Riester: Popular, aber ungleich verbreitet
Die Riester-Rente ist das bekannteste Instrument der staatlich gefoerderten privaten Altersvorsorge. Wer einen Riestervertrag besparte und besparte, hat im Durchschnitt ein angespartes Vermoegen von rund 18.000 Euro pro Haushalt mit Riestervertrag aufgebaut. Das ist ein Puffer — aber kein Schutz vor Altersarmut, wenn weitere Einkommensquellen fehlen.
Problematisch ist vor allem, wer keinen Riestervertrag hat: Selbstaendige sind grundsaetzlich ausgeschlossen, Geringverdiener nehmen trotz staatlicher Foerderung seltener teil, und Personen mit unstetem Erwerbsleben haben Schwierigkeiten, Beitraege durchzuhalten. Die Foerderung ist so gestaltet, dass sie vergleichsweise stabilen Erwerbsbiografien nutzt — genau jenen, die Altersarmut ohnehin weniger droht.
Rechtliche Vorsorge: Patientenverfuegung und Vollmacht
Altersvorsorge bedeutet nicht nur finanziell — auch rechtlich. Wer entscheidet, wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann? Patientenverfuegungen und Vorsorgevollmachten sind die wichtigsten Instrumente dafuer, aber ihre Verbreitung ist ungleich.
Rund 45 Prozent der aeltesten Befragten gaben an, eine Patientenverfuegung zu haben. Das ist eine deutliche Mehrheit — aber eben auch: mehr als die Haelfte hat keine. Vorsorgevollmachten — die jemandem das Recht geben, in medizinischen und finanziellen Angelegenheiten zu entscheiden — sind haeufiger bei Frauen als bei Maennern verbreitet. Das spiegelt moeglicherweise wider, dass Frauen statistisch laenger leben und sich fruehzeitiger mit diesem Thema befassen.
Wer keine solche Vorsorge trifft, riskiert, dass im Ernstfall Gerichte einen gesetzlichen Betreuer einsetzen — ein Prozess, der fuer Familien belastend sein kann und nicht immer den eigenen Wuenschen entspricht.
Wer faellt durch das Raster?
Maria, 67, hat 30 Jahre als Reinigungskraft gearbeitet — unterbrochen von zwei Phasen, in denen sie Kinder erzogen und Angehoerige gepflegt hat. Ihre gesetzliche Rente liegt deutlich unter 1.000 Euro im Monat. Eine Riester-Rente hat sie nie abgeschlossen. Betriebliche Altersvorsorge gab es in ihrer Branche nicht. Was bleibt, ist die staatliche Grundsicherung.
Marias Geschichte ist keine Ausnahme. Frauen, Geringverdiener, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen in atypischen Beschaeftigungsverhaeltnissen sind ueberdurchschnittlich oft von Altersarmut bedroht. Ihnen fehlen systematisch die Zugaenge zur zweiten und dritten Vorsaeule, die andere absichern.
Ueber eine Million Menschen im Rentenalter beziehen staatliche Grundsicherung — das ist ein Indiz dafuer, dass das System fuer einen erheblichen Teil der Bevoelkerung nicht ausreichend funktioniert.
Was man tun kann — und was die Politik tun muesste
Wer individuell vorsorgen will, kann: fruehzeitig einen Riester- oder betrieblichen Vertrag abschliessen, Vorsorgevollmacht und Patientenverfuegung aufsetzen und rulegelmaessig den Renteninformationsbrief der Deutschen Rentenversicherung pruefen, um Luecken zu erkennen.
Strukturell braucht es mehr: eine Reform der Grundrente, die Luecken durch Care-Arbeit besser beruecksichtigt; breitere betriebliche Vorsorge auch in Niedriglohnbranchen; und eine Foerderstruktur, die Geringverdiener wirklich erreicht und nicht nur gut verdienende Festangestellte bevorteilt.
Auf einen Blick: Altersvorsorge in Deutschland
- Definition
- Gesamtheit aller Massnahmen zur finanziellen und rechtlichen Absicherung im Alter — gesetzlich, betrieblich, privat
- Risiko
- Altersarmut besonders bei Frauen, Geringverdienern und Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien
- Riester-Schnitt
- Ca. 18.000 Euro angespartes Vermoegen je Haushalt mit Riestervertrag
- Rechtliche Vorsorge
- 45,1% der aeltesten Altersgruppe haben Patientenverfuegung; Vorsorgevollmacht haeufiger bei Frauen
- Grundsicherung
- Ueber 1 Million Personen im Rentenalter auf staatliche Grundsicherung angewiesen
- Haeufiger Irrtum
- Viele glauben, dass Riester-Foerderung alle gleichermassen erreicht. Tatsaechlich profitieren stabile Vollzeitbeschaeftigte am staerksten — genau jene, die Altersarmut am wenigsten droht.