Bildung & Ungleichheit

Wissenschaftliches Personal an deutschen Hochschulen: Geschlechterungleichheit und soziale Folgen

Nur rund 28 Prozent der Professuren in Deutschland sind von Frauen besetzt. Dahinter steht ein System, das Prekarität produziert, Karrieren nach Geschlecht sortiert und strukturelle Benachteiligungen in akademische Hierarchien übersetzt.

Schlüsselzahlen

28 %
Professorinnen-Anteil an deutschen Hochschulen 2022 — historisch gestiegen, aber weit von Parität entfernt
> 90 %
Befristungsquote im wissenschaftlichen Mittelbau — strukturell prekär, besonders für Frauen mit Familienpflichten
34 %
Habilitationsquote von Frauen — der Sprung in die Professur bleibt die härteste Hürde
1.000–1.600 €
Monatliches Doktorandenstipendium — für Familien häufig unter der Armutsschwelle

Das deutsche Hochschulsystem gilt international als forschungsstark. Gleichzeitig produziert es beharrlich Ungleichheit: zwischen den Geschlechtern, zwischen Karrierestufen und zwischen befristeter und unbefristeter Beschäftigung. Wer Wissenschaft als Beruf anstrebt, begegnet einem System, das mit zunehmender Hierarchie immer selektiver wird — und diese Selektion trifft Frauen deutlich stärker als Männer. Das ist kein Zufall, sondern das vorhersehbare Ergebnis struktureller Mechanismen, die seit Jahrzehnten bekannt sind und dennoch nur langsam verändert werden.

Die Leaky Pipeline: Weniger Frauen auf jeder Stufe

Kurzantwort: Mit jeder Qualifikationsstufe im Wissenschaftssystem sinkt der Frauenanteil. Dieser Effekt — oft als Leaky Pipeline bezeichnet — ist in Deutschland besonders ausgeprägt und beginnt bereits beim Übergang vom Studienabschluss zur Promotion.

Der Begriff der Leaky Pipeline beschreibt, wie Frauen auf dem Weg zur Professur auf jeder Stufe überproportional häufig das Wissenschaftssystem verlassen. Bei den Studienabschlüssen liegt der Frauenanteil inzwischen bei oder über 50 Prozent. Bei Promotionen ist er auf rund 45 Prozent gesunken. Bei Habilitationen — der traditionellen Voraussetzung für eine Professur an einer Universität — beträgt er noch etwa 34 Prozent. Und bei den Professuren selbst liegt er bei knapp 28 Prozent.

Jede dieser Stufen ist mit einer Selektion verbunden, die nicht nur durch Leistung erklärt werden kann. Entscheidend sind strukturelle Faktoren: die Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere mit Familienpflichten, die informellen Netzwerke in der Wissenschaft, die zeitliche Flexibilität, die das System voraussetzt, und die schiere Dauer des akademischen Qualifikationswegs. Wer nach dem Studium promoviert, habilitiert und sich dann auf Professuren bewirbt, ist oft Mitte vierzig, bevor eine unbefristete Stelle in Reichweite kommt. Dieser Zeitplan kollidiert für viele Frauen mit der Familienplanung — und die Wissenschaft bietet kaum Mechanismen, diese Kollision aufzufangen.

Der Mittelbau: Befristung als strukturelles Merkmal

Der wissenschaftliche Mittelbau — Doktoranden, Postdoktoranden, Nachwuchsgruppenleiter — ist der größte Teil des deutschen Hochschulpersonals und gleichzeitig der am stärksten prekarisierte. Über 90 Prozent der Stellen im Mittelbau sind befristet. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz legt Höchstgrenzen für Befristungen fest, die in der Praxis dazu führen, dass Wissenschaftler nach sechs bis zwölf Jahren Befristung das System verlassen müssen — mit oder ohne Professur.

Für Frauen ist diese Befristungslogik besonders problematisch. Befristete Stellen bedeuten Unsicherheit darüber, wo man in drei Jahren arbeiten wird — ob in derselben Stadt, in einer anderen, oder im Ausland. Diese Unsicherheit macht Familienplanung schwierig, Partnerschaften belastet und Entscheidungen für das Verlassen des Systems verständlicher. Gleichzeitig sind Frauen im Mittelbau auf Zeitstellen überrepräsentiert — sie sind in besonderem Maß von der strukturellen Prekarität betroffen, die das System für alle Nachwuchswissenschaftler charakterisiert.

Stipendien und Prekarität: Wenn Wissenschaft arm macht

Kurzantwort: Doktorandenstipendien liegen zwischen 1.000 und 1.600 Euro im Monat — Beträge, die für Alleinstehende knapp ausreichen, für Familien aber deutlich unterhalb der Armutsschwelle liegen können. Wissenschaftliche Karriere und materielle Sicherheit sind für viele Nachwuchswissenschaftler unvereinbar.

Wer eine Promotion über ein Stipendium finanziert — etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, ein Begabtenförderwerk oder den DAAD — erhält typischerweise zwischen 1.000 und 1.600 Euro monatlich. Diese Beträge wurden in den vergangenen Jahren mehrfach angehoben, liegen aber noch immer häufig unter dem Niveau, das für ein Leben in deutschen Großstädten als ausreichend gilt. Für Promovierende mit Kindern ist die Lage besonders schwierig: Die Armutsschwelle für eine dreiköpfige Familie liegt deutlich über den meisten Stipendiensätzen.

Hinzu kommt, dass Stipendien keine Sozialversicherungspflicht begründen — Rentenansprüche werden nicht aufgebaut, Arbeitslosengeld wird nicht angespart. Wer eine Promotion über ein Stipendium finanziert und danach keine Stelle findet, steht ohne soziale Absicherung da. Diese Lücke im System betrifft zwar Männer und Frauen gleichermaßen, trifft aber Frauen strukturell stärker, weil sie in geringer vergüteten Fächern — etwa den Geisteswissenschaften — überrepräsentiert sind.

Der Gender Pay Gap im Wissenschaftssystem

Der Gender Pay Gap im deutschen Wissenschaftssystem entsteht weniger durch unterschiedliche Bezahlung auf identischen Stellen, sondern durch die Konzentration von Frauen in bestimmten Fächern. Geisteswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Teile der Sozialwissenschaften — Fächer mit traditionell hohem Frauenanteil — sind im Durchschnitt schlechter dotiert, bieten weniger Drittmittel und führen seltener in hochbezahlte Stellen außerhalb der Wissenschaft. Ingenieurwissenschaften, Informatik und Teilen der Naturwissenschaften — Fächer mit traditionell hohem Männeranteil — bieten deutlich bessere Verdienstperspektiven.

Diese Fächersegregation ist nicht nur eine Frage der Präferenz, sondern auch das Ergebnis von Sozialisationsprozessen, die Mädchen und Frauen bestimmte Fachgebiete als weniger zugänglich erscheinen lassen. Hochschulpolitische Maßnahmen wie Gleichstellungsbeauftragte, Mentoring-Programme und Frauenförderpläne haben daran zwar einiges verändert — aber die strukturelle Trennung zwischen Fächern, die gesellschaftlich und ökonomisch aufgewertet sind, und solchen, die es nicht sind, bleibt bestehen.

Hochschultypen und ihre unterschiedlichen Karrierepfade

Kurzantwort: Universitäten und Fachhochschulen bieten unterschiedliche Karrierewege, unterschiedliche Anforderungsprofile und unterschiedliche Chancen für Frauen. Fachhochschulen haben teilweise höhere Professorinnenanteile — was aber weniger an besseren Strukturen liegt als an der anderen Stellung dieser Hochschultypen im Wissenschaftssystem.

Das deutsche Hochschulsystem unterscheidet zwischen Universitäten und Fachhochschulen (heute oft als Hochschulen für angewandte Wissenschaften bezeichnet). Universitäten sind forschungsorientiert, vergeben Doktortitel und setzen für Professuren typischerweise eine Habilitation oder habilitationsäquivalente Leistungen voraus. Fachhochschulen sind praxisorientiert, vergeben in der Regel keine Doktortitel und erfordern für Professuren einen Berufspraxisnachweis statt einer Habilitation.

Der Frauenanteil unter den Professoren ist an Fachhochschulen häufig etwas höher als an Universitäten. Das erklärt sich teils dadurch, dass der Karrierepfad kürzer und flexibler ist — keine Habilitation, keine langen Postdoc-Phasen — und teils dadurch, dass Fachhochschulen in Berufsfeldern aktiv sind, in denen der Frauenanteil traditionell höher ist, etwa im Bereich Soziale Arbeit, Pflege oder Gestaltung.

Internationales Wissenschaftspersonal: Wachsend, aber mit Barrieren

Kurzantwort: Deutschland zieht zunehmend internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an. Diese Gruppe ist für das Hochschulsystem wichtig, steht aber vor eigenen Integrationsbarrieren — sprachlich, bürokratisch und sozial.

Der Anteil internationalen Personals an deutschen Hochschulen wächst. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem europäischen Ausland, aus den USA, aus Asien und aus anderen Weltregionen sind in deutschen Forschungsgruppen, Labors und Seminaren vertreten. Deutsche Hochschulen werben aktiv um internationale Talente, bieten zunehmend englischsprachige Studiengänge und Forschungsumgebungen an und positionieren sich als attraktive Arbeitgeber auf dem globalen Wissenschaftsmarkt.

Gleichzeitig stoßen internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Barrieren, die das System oft nicht systematisch adressiert: Sprachliche Anforderungen im Alltag — etwa bei Behördengängen, Elterngeldanträgen oder Wohnungssuche — sind für Menschen ohne Deutschkenntnisse erheblich. Das Gehaltsrechtsystem der deutschen Hochschulen ist komplex. Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ist nicht immer unkompliziert. Und für internationale Postdoktoranden, die ihre befristete Stelle verlassen müssen, ist der Verbleib in Deutschland aus aufenthaltsrechtlichen Gründen oft schwierig.

Handlungsansätze und Grenzen der Hochschulpolitik

Kurzantwort: Hochschulen und Politik haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft ergriffen. Diese Maßnahmen zeigen Wirkung — aber sie reichen nicht aus, um die strukturellen Ursachen der Ungleichheit zu beseitigen.

Gleichstellungsbeauftragte, Mentoring-Programme, Dual-Career-Angebote für Paare, Kinderbetreuung auf Hochschulcampussen, Frauenförderkommissionen und verpflichtende Gleichstellungskonzepte im Rahmen der Exzellenzinitiative — das Instrumentarium ist umfangreich. Der Professorinnenanteil ist in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich gestiegen: von historisch unter zehn Prozent auf heute knapp 28 Prozent.

Doch die Fortschritte sind langsam und ungleich verteilt. An der Spitze der Wissenschaftshierarchie — in den renommiertesten Universitäten, in den bestfinanzierten Fächern, in den Leitungspositionen großer Forschungseinrichtungen — bleibt der Frauenanteil besonders niedrig. Die Mechanismen, die Frauen aus dem System herausdrücken, sind nicht durch Förderprogramme allein zu überwinden. Sie sind in der Logik des Systems selbst angelegt: in der Verbindung von akademischer Exzellenz mit zeitlicher Verfügbarkeit rund um die Uhr, in der Abhängigkeit von informellen Netzwerken, in der Normalität von Prekarität als Durchgangsstadium.

Solange das Wissenschaftssystem strukturell davon ausgeht, dass Nachwuchswissenschaftler keine Carearbeit leisten, keine Bindungen an bestimmte Orte haben und jederzeit mobil sein können, wird die Leaky Pipeline weiter tropfen — unabhängig davon, wie viele Förderprogramme aufgelegt werden.

Häufig gestellte Fragen

Wie hoch ist der Frauenanteil bei Professuren in Deutschland?
Im Jahr 2022 betrug der Anteil von Frauen an allen Professuren in Deutschland rund 28 Prozent. Damit hat sich der Anteil im Vergleich zu historischen Werten von unter zehn Prozent deutlich erhöht, liegt aber noch weit von einer paritätischen Verteilung entfernt.
Was bedeutet "Leaky Pipeline" im Hochschulsystem?
Der Begriff beschreibt, dass Frauen auf jeder Karrierestufe im Wissenschaftssystem überproportional häufig aus dem System ausscheiden. Von paritätischen Studienabschlüssen sinkt der Frauenanteil über Promotion und Habilitation bis zur Professur schrittweise ab — als würde ein Rohr auf dem Weg nach oben immer mehr Flüssigkeit verlieren.
Warum ist Befristung im wissenschaftlichen Mittelbau so hoch?
Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt und strukturiert Befristungen für Qualifikationsphasen. Da Professuren selten sind und lange Qualifikationswege erfordern, verbringen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler viele Jahre auf befristeten Stellen. Über 90 Prozent der Stellen im Mittelbau sind befristet, was dauerhafte Unsicherheit produziert.
Können Doktoranden in Deutschland von einem Stipendium leben?
Ein Doktorandenstipendium liegt je nach Förderwerk und Fach zwischen 1.000 und 1.600 Euro im Monat. Für Alleinstehende in mittelgroßen Städten ist das knapp ausreichend. Für Promovierende mit Kindern oder in Großstädten mit hohen Mietkosten liegt der Betrag häufig unter der effektiven Armutsschwelle. Stipendien begründen zudem keine Sozialversicherungspflicht.
Warum ist der Gender Pay Gap in der Wissenschaft strukturell bedingt?
Der Gender Pay Gap in der Wissenschaft entsteht weniger durch ungleiche Bezahlung auf gleichen Stellen als durch die Fächersegregation: Frauen sind in Fächern überrepräsentiert, die traditionell schlechter bezahlt sind — etwa Geistes- und Sozialwissenschaften. Männer dominieren in besser bezahlten Fächern wie Ingenieurwesen und Informatik.
Was unterscheidet Universitäten und Fachhochschulen bei der Gleichstellung?
Fachhochschulen haben teilweise höhere Professorinnenanteile als Universitäten, was auf kürzere Karrierewege und andere Fächerschwerpunkte zurückzuführen ist. An Universitäten ist der Weg zur Professur länger und setzt eine Habilitation oder habilitationsäquivalente Leistungen voraus, was die strukturellen Barrieren für Frauen verstärkt.