Mit 22,51 Euro Brutto-Stundenverdienst bildet Schleswig-Holstein das Schlusslicht aller westdeutschen Flächenländer. Warum eine Wirtschaft, die auf Tourismus, Landwirtschaft und Saisonarbeit setzt, strukturell niedrigere Löhne produziert als der Süden der Republik.
Wenn über Lohnungleichheit in Deutschland gesprochen wird, fällt der Blick fast automatisch auf die Ost-West-Spaltung. Dass innerhalb Westdeutschlands erhebliche Unterschiede bestehen, bleibt im öffentlichen Bewusstsein oft unterbelichtet. Dabei zeigt ein Blick auf den Brutto-Stundenverdienst, dass Schleswig-Holstein mit 22,51 Euro deutlich hinter Hamburg und Bayern zurückbleibt, die jeweils über 30 Euro pro Stunde verzeichnen. Die Differenz von fast einem Drittel ist nicht trivial.
Diese Lücke hat keine zufälligen Ursachen. Sie ist das Ergebnis einer gewachsenen Wirtschaftsstruktur, die sich in Jahrzehnten herausgebildet hat und mit kurzfristigen Maßnahmen nicht einfach zu schließen ist. Um zu verstehen, warum das nördlichste Bundesland im Lohnranking der Westländer am unteren Ende steht, muss man seine Branchenstruktur betrachten.
Schleswig-Holstein hat eine der höchsten Tourismusdichten in Deutschland. Die Küsten von Nord- und Ostsee ziehen jährlich Millionen von Besuchern an, und damit ist ein erheblicher Teil der Wirtschaft auf Gastronomie, Hotellerie, Freizeitangebote und saisonal arbeitende Hilfskräfte ausgerichtet. Diese Branche gehört bundesweit zu den Sektoren mit den niedrigsten Löhnen, mit Niedriglohnquoten um die 50 Prozent.
Ähnliches gilt für die Landwirtschaft, die in Schleswig-Holstein eine bedeutende Rolle spielt. Erntekräfte, Tierhalter in der Aufzucht und Saisonarbeiter in der Produktion werden häufig über Werkverträge oder befristete Stellen beschäftigt. Nicht selten kommen diese Arbeitskräfte aus Osteuropa, insbesondere aus Polen und dem Baltikum. Ihre Arbeitsverhältnisse sind oft von kurzen Laufzeiten, geringer sozialer Absicherung und Löhnen knapp am gesetzlichen Mindestlohn geprägt.
Der Einzelhandel ergänzt dieses Bild. In den touristisch geprägten Regionen entlang der Küste dominieren Saison- und Teilzeitarbeit. Tarifverträge im Einzelhandel existieren, werden aber nicht flächendeckend angewendet. Die Tarifbindung in Schleswig-Holstein liegt im mittleren Bereich — nicht so niedrig wie in einigen ostdeutschen Regionen, aber deutlich unter dem, was in Bayern oder Baden-Württemberg gilt.
Ein wesentlicher Treiber hoher Löhne in Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen ist die Industrie. Automobilhersteller, Maschinenbauunternehmen, Chemiekonzerne und Technologieunternehmen zahlen überdurchschnittliche Tariflöhne, sind häufig tarifgebunden und bieten langfristige Beschäftigung mit betrieblicher Altersvorsorge. Schleswig-Holstein hat diesen industriellen Kern nicht in vergleichbarer Weise.
Zwar gibt es einzelne Bereiche wie die Windenergie, maritime Industrie und Logistik im Hamburger Umland, doch diese reichen nicht aus, um das Lohnniveau auf das Niveau der süddeutschen Bundesländer zu heben. Die strukturell schwächere Industrie bedeutet nicht nur niedrigere Löhne in der Gegenwart, sondern auch geringere Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Fachkräfte — ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
Ein Phänomen, das in der Armutsdebatte selten thematisiert wird, ist die saisonale Armut. In touristisch geprägten Regionen wie Sylt, Flensburg oder dem Kreis Nordfriesland bricht die Nachfrage nach Arbeitskräften außerhalb der Sommermonate stark ein. Viele der Beschäftigten haben befristete Verträge, die im Herbst enden. Sie sind dann auf Arbeitslosengeld angewiesen, das sich aus den Löhnen der Saison berechnet — also aus einem Niedriglohnniveau.
Wer dauerhaft saisonal beschäftigt ist, zahlt weniger in die Rentenversicherung ein, hat weniger Ansprüche bei Krankheit und akkumuliert über Jahrzehnte ein geringeres Vermögen. Das macht Saisonarbeit nicht nur zu einem aktuellen Einkommensproblem, sondern zu einem langfristigen Armutsrisiko.
Kaufkraft vs. Lohnniveau: Ein weiteres Paradoxon tritt in touristischen Regionen auf. Obwohl die Löhne niedrig sind, steigen die Lebenshaltungskosten in Küstennähe durch den Tourismus an. Mieten, Lebensmittelpreise und Freizeitangebote richten sich teilweise an Touristen aus, nicht an lokale Beschäftigte. Das drückt die reale Kaufkraft der Niedriglöhner noch weiter nach unten.
Seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns 2015 und seiner späteren Anhebungen hat sich die Lage vieler Geringverdiener in Schleswig-Holstein verbessert. Wer vorher deutlich unter 10 Euro pro Stunde verdient hat, profitiert heute von der gesetzlichen Untergrenze. Doch der Mindestlohn ist strukturell keine Antwort auf regionale Lohnungleichheit: Er hebt alle auf ein nationales Minimum, nicht auf das Niveau industriestarker Regionen.
Tarifverträge, die Branchenstandards über das Mindestlohnniveau hinaus setzen, fehlen in vielen der beschäftigungsstarken Branchen des Landes oder haben geringe Bindungswirkung. Wo Tarifverträge nicht für allgemeinverbindlich erklärt werden, können Arbeitgeber legal darunterbleiben, sobald der Mindestlohn eingehalten ist.
Schleswig-Holstein hat eine lange Geschichte als Zielregion für Wanderarbeit aus Osteuropa. Landwirtschaft und Tourismus ziehen jedes Jahr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Polen, den baltischen Staaten und anderen EU-Ländern an. Sie füllen Stellen, die zu Löhnen nahe dem Mindestlohn besetzt werden müssen, und sind oft in Unterkünften untergebracht, die vom Arbeitgeber gestellt und abgerechnet werden.
Für das Lohnproblem der Region sind diese Migrationsströme keine Lösung. Wenn Arbeitgeber durch Arbeitskräfte aus Niedriglohnländern keine Notwendigkeit sehen, die Löhne anzuheben, bleibt der Druck auf das regionale Lohnniveau bestehen. Gleichzeitig geraten die osteuropäischen Arbeitenden selbst in prekäre Strukturen, da ihre Rechtslage, ihre Sprachkenntnisse und ihre Entfernung von Beratungsangeboten eine Schutzlosigkeit erzeugen.
Eine strukturelle Wirtschaftsförderung für Schleswig-Holstein müsste an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen. Erstens an der Ansiedlung von Unternehmen in Branchen, die überdurchschnittliche Löhne zahlen: Erneuerbare Energien, digitale Industrie, Logistik mit qualifizierter Beschäftigung. Zweitens an der Stärkung von Tarifverträgen, durch Allgemeinverbindlichkeitserklärungen oder erleichterte Bedingungen für den Beitritt zu Arbeitgeberverbänden. Drittens an der Infrastruktur: Breitbandausbau, Bahnanbindungen und Forschungseinrichtungen sind Grundlage dafür, dass sich Unternehmen in der Region niederlassen, die mehr als Saisonlöhne zahlen wollen.
All das ist keine schnelle Lösung. Die Lohnlücke zu Hamburg und Bayern ist das Ergebnis einer Wirtschaftsstruktur, die sich über Generationen herausgebildet hat. Sie kann nicht in einer Legislaturperiode geschlossen werden. Was politisch aber verhindert werden sollte: die Lücke weiter wachsen zu lassen, indem der Norden Deutschlands bei Investitionen und Fördermitteln systematisch benachteiligt wird.