In Deutschland leben rund 58,7 Millionen Menschen ohne Einwanderungsgeschichte — und diese Gruppe weist eine deutlich ältere Altersstruktur auf als Menschen mit Migrationshintergrund. Das hat weitreichende Folgen: für den Anteil der Rentnerinnen und Rentner, für die Erwerbsquoten und für die Frage, welche sozialen Risiken im Alter entstehen. Dieser Artikel erklärt, was hinter den Unterschieden steckt — und warum das Alter der entscheidende Schlüssel zum Verständnis ist.
Zahlen auf einen Blick
In der deutschen Bevölkerungsstatistik wird zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte unterschieden. Wer selbst nicht eingewandert ist und auch keine Eltern hat, die eingewandert sind oder als Ausländer in Deutschland leben, gilt als Person ohne Einwanderungsgeschichte. Diese Gruppe umfasst 2023 rund 58,7 Millionen Menschen — etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Damit bildet sie zwar die quantitative Mehrheit, ist aber in ihrer inneren Struktur alles andere als homogen. Entscheidend ist: Diese Gruppe ist im Durchschnitt deutlich älter als Menschen mit Migrationshintergrund. Das Durchschnittsalter liegt bei 47,2 Jahren — verglichen mit 43,1 Jahren bei den selbst Eingewanderten und nur 20,3 Jahren bei deren Nachkommen.
Diese Altersdifferenz klingt auf den ersten Blick gering. Sie hat aber weitreichende Konsequenzen — für den Anteil der Rentnerinnen und Rentner, für die Erwerbsbeteiligung und letztlich auch für soziale Risiken wie Altersarmut.
Die Antwort liegt in der Einwanderungsgeschichte Deutschlands selbst. Seit den 1950er Jahren hat die Bundesrepublik in mehreren Wellen Menschen aus dem Ausland aufgenommen: Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, Aussiedlerinnen und Aussiedler, Geflüchtete aus Kriegsgebieten, EU-Zuwanderer und zuletzt viele Menschen aus der Ukraine. Diese Zuwanderungen erfolgten überwiegend im Erwerbsalter — Menschen kommen, wenn sie arbeiten können und wollen.
Das Ergebnis: Die Gruppe der selbst Eingewanderten ist vor allem in den Altersgruppen der 25- bis 60-Jährigen stark besetzt. Rund 62 Prozent aller in Deutschland lebenden Eingewanderten gehörten 2023 zu dieser Altersgruppe. Das drückt das Durchschnittsalter dieser Gruppe nach unten — und hebt gleichzeitig den relativen Anteil älterer Jahrgänge in der Gruppe ohne Einwanderungsgeschichte hervor.
Hinzu kommt der demografische Wandel: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er — der sogenannte Babyboom — sind inzwischen im Rentenalter oder kurz davor. Diese Jahrgänge haben überwiegend keine Einwanderungsgeschichte. Deshalb konzentriert sich der demographische Altersberg besonders stark in der Gruppe der Menschen ohne Migrationshintergrund.
Der höhere Altersschnitt der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte hat eine direkte Folge: In dieser Gruppe gibt es anteilig deutlich mehr Rentnerinnen und Rentner. Mehr als die Hälfte — genau 51,6 Prozent — dieser Bevölkerungsgruppe ist 50 Jahre oder älter. Fast zwei Fünftel gehören zur Gruppe der 50- bis 74-Jährigen, also jener Kohorte, in der der Übergang in den Ruhestand stattfindet oder bereits vollzogen wurde.
Bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte sieht das ganz anders aus. Besonders die Nachkommen von Eingewanderten — also Menschen der zweiten Generation — sind mit einem Durchschnittsalter von 20,3 Jahren noch sehr jung. In dieser Gruppe überwiegen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Rentnerinnen und Rentner sind hier eine Randerscheinung.
Selbst bei den selbst Eingewanderten — der ersten Generation — ist der Altersaufbau durch den Arbeitsmigrations-Effekt jünger. Dennoch gibt es auch hier eine aufschlussreiche Unterscheidung: Das Durchschnittsalter der vor 1980 Eingewanderten liegt bei 57,1 Jahren — deutlich höher als bei jenen, die zwischen 2020 und 2023 nach Deutschland kamen (37,2 Jahre). Das zeigt, dass auch innerhalb der Gruppe der Eingewanderten erhebliche Altersunterschiede bestehen.
| Bevölkerungsgruppe | Durchschnittsalter 2023 | Anteil 50+ Jahre |
|---|---|---|
| Ohne Einwanderungsgeschichte | 47,2 Jahre | 51,6 % |
| Selbst Eingewanderte (gesamt) | 43,1 Jahre | anteilig niedriger |
| Eingewanderte vor 1980 | 57,1 Jahre | mehrheitlich 50+ |
| Eingewanderte 2020–2023 | 37,2 Jahre | gering |
| Nachkommen von Eingewanderten | 20,3 Jahre | minimal |
Die Altersstruktur einer Bevölkerungsgruppe beeinflusst unmittelbar, wie viele Menschen erwerbstätig sind, wie viele in Ausbildung stehen und wie viele bereits im Ruhestand leben. Das ist kein Zufall — es ist eine mathematische Konsequenz der Demografie.
Menschen ohne Einwanderungsgeschichte beteiligen sich im Erwerbsalter ähnlich stark am Arbeitsmarkt wie andere Gruppen. Im Altersbereich der 15- bis 74-Jährigen lag die Erwerbsquote der in Deutschland geborenen Menschen ohne Einwanderungsgeschichte 2023 bei 70,7 Prozent — ein solider Wert, der dem deutschen Gesamtdurchschnitt entspricht.
Doch der Übergang in den Ruhestand hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich verschoben. Wer 2003 noch mit 60 Jahren in Rente ging, tut dies heute oft erst mit 63, 64 oder sogar 66 Jahren. Im Jahr 2023 sank die Erwerbsquote erst nach dem 62. Lebensjahr (71,6 Prozent) deutlich ab und erstreckte sich bis zum Alter von 66 Jahren auf dann noch 21,3 Prozent. Der Renteneintritt erfolgt also später — was sowohl Chancen als auch Risiken birgt.
Für Menschen, die durch lückenhaftere Erwerbsbiografien weniger Rentenpunkte gesammelt haben, verlängert sich damit auch die Phase, in der eine volle Rente noch nicht erreicht ist. Das trifft besonders jene, die in Teilzeit, in Niedriglohnjobs oder in unterbrochenen Beschäftigungsverhältnissen gearbeitet haben — ein Thema, das eng mit Altersarmut verbunden ist.
Innerhalb der Erwerbsquoten zeigt sich eine anhaltende Geschlechterdifferenz. Die Erwerbsquote der Frauen zwischen 15 und 74 Jahren lag 2023 bei 65,7 Prozent — knapp unter dem Höchstwert von 66 Prozent aus dem Jahr 2019, aber noch rund 9 Prozentpunkte unter der der Männer (74,5 Prozent). Seit 1993 ist die Frauenerwerbsquote zwar um knapp 13 Prozentpunkte gestiegen — ein deutlicher Fortschritt. Doch dieser Fortschritt übersetzt sich nicht automatisch in höhere Renten, wenn die geleistete Arbeit häufig in Teilzeit, geringer Entlohnung oder unbezahlter Sorgearbeit bestand.
Wichtig: Niedrige Rentenbeiträge durch unterbrochene oder gering entlohnte Erwerbsbiografien führen zu niedrigen Rentenansprüchen — unabhängig davon, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht. Das Armutsrisiko im Alter trifft vor allem Menschen mit lückenhaften Erwerbsverläufen.
Ein hoher Rentneranteil in einer Bevölkerungsgruppe bedeutet nicht automatisch gesicherten Wohlstand. Die entscheidende Frage ist: Welche Renten beziehen diese Menschen, und reichen sie zum Leben?
In Deutschland hat die gesetzliche Rentenversicherung über Jahrzehnte eine breite Abdeckung aufgebaut. Selbst Menschen mit lückenhaften Erwerbsbiografien haben oft einen — wenn auch geringen — Rentenanspruch. Das ist ein sozialpolitischer Erfolg. Doch die Rentenhöhe ist direkt an die Dauer und die Höhe der eingezahlten Beiträge geknüpft.
Menschen, die viele Jahre in Vollzeit gearbeitet und gut verdient haben, erhalten eine angemessene Rente. Menschen, die jahrelang Kinder erzogen, pflegebedürftige Angehörige betreut oder in Minijobs gearbeitet haben, erhalten oft Renten, die kaum über dem Existenzminimum liegen — oder sogar darunter. Für sie kann die Grundsicherung im Alter zum einzigen Schutz vor Armut werden.
Besonders betroffen sind Frauen mit diskontinuierlichen Erwerbsbiografien, Selbstständige, die nicht in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, sowie Menschen, die lange Zeit in Niedriglohnbranchen beschäftigt waren. Diese Gruppe ist keine statistische Randerscheinung — sie wächst. Das Thema Altersarmut ist daher in der Gruppe der Menschen ohne Einwanderungsgeschichte genauso präsent wie in anderen Bevölkerungsteilen.
Ein weiterer Faktor, der langfristig auf die Rentenhöhe wirkt, ist die Berufsausbildung. Unter Menschen ohne Einwanderungsgeschichte haben 11,8 Prozent keinen berufsqualifizierenden Abschluss — verglichen mit 44,1 Prozent bei den Eingewanderten. Das bedeutet: Menschen ohne Migrationshintergrund haben im Durchschnitt bessere formale Qualifikationen und damit bessere Chancen auf gut entlohnte Beschäftigung und stabile Rentenansprüche.
Doch dieser Durchschnittswert verdeckt, dass auch in dieser Gruppe eine erhebliche Minderheit in prekären Verhältnissen gearbeitet hat — und entsprechend niedrige Rentenansprüche erworben hat. Die Bildungsstruktur allein erklärt die sozialen Risiken im Alter nicht vollständig.
Die unterschiedliche Altersstruktur der Bevölkerungsgruppen hat Konsequenzen, die weit über Rentenstatistiken hinausgehen. Sie berührt Fragen der sozialen Kohäsion, der Lastenverteilung im Generationenvertrag und der Wahrnehmung von Gerechtigkeit.
Eine sehr junge Gruppe — wie die Nachkommen von Eingewanderten mit einem Durchschnittsalter von 20,3 Jahren — zahlt heute in die Sozialsysteme ein und wird morgen in den Genuss von Leistungen kommen, auf die die heutige ältere Bevölkerung angewiesen ist. Das ist kein Konflikt, sondern der normale Mechanismus des Generationenvertrags — er funktioniert nur, wenn alle Bevölkerungsgruppen in die Systeme einzahlen.
Gleichzeitig zeigt die Altersstruktur, dass Vergleiche zwischen den Gruppen mit Vorsicht gezogen werden müssen. Wenn Menschen ohne Einwanderungsgeschichte im Durchschnitt seltener Abitur machen als junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte, sagt das wenig über individuelle Leistung — und viel über das unterschiedliche Durchschnittsalter. Bildungsabschlüsse, Beschäftigungsquoten und Einkommensstrukturen lassen sich nur dann sinnvoll vergleichen, wenn man die Altersverteilung berücksichtigt.
Wer diese Kontextualisierung weglässt, kommt zu schiefen Schlüssen — in beide Richtungen. Sachlich-informiertes Verstehen der demografischen Grundlagen ist die Voraussetzung für eine konstruktive gesellschaftliche Debatte über soziale Ungleichheit, Einkommensungleichheit und sozialen Zusammenhalt.
Menschen, die nach einem langen Arbeitsleben in Rente gehen, erwarten zu Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen — kulturell, sozial, wirtschaftlich. Doch wenn die Rente kaum über dem Grundsicherungsniveau liegt, wird soziale Teilhabe zum Luxus. Kino, Vereinsmitgliedschaft, Reisen, gutes Essen — Dinge, die das Leben im Alter lebenswert machen — sind für Menschen mit geringer Rente oft nicht finanzierbar.
Das betrifft Menschen unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Die entscheidende Trennlinie verläuft nicht entlang von Herkunft, sondern entlang von Erwerbsbiografien, Qualifikationen und Einkommensniveaus über ein gesamtes Arbeitsleben.