Wohnungslosigkeit

Wohnen statt Unterbringung: Wie Gefluechtete den Weg in die eigene Wohnung finden

Sammelunterkuenfte sind keine Heimat. Viele Gefluechtete leben jahrelang in befristeten Unterbringungen, ohne reale Chance auf eine eigene Wohnung. Ein Ansatz mit konkreten Projekten in mehreren deutschen Staedten zeigt, dass es anders geht.

Schluesselzahlen

4
Standorte des Tuer an Tuer e.V.-Modells: Augsburg, Berlin, Dresden, Luebeck
2030
Zieldatum des Nationalen Aktionsprogramms zur Beendigung von Wohnungslosigkeit
36%
Anteil nichtdeutscher Staatsangehoeriger unter wohnungslosen Personen in Deutschland
61%
Nichtdeutsche Obdachlose schlafen auf der Strasse (gegenueber 39% bei deutschen Staatsangehoerigen)

Was bedeutet "Wohnen statt Unterbringung"?

Hinter dem Begriff steht ein einfacher Grundgedanke: Gefluechtete brauchen kein Dach ueber dem Kopf auf Zeit, sondern einen echten Ort zum Leben. Sammelunterkuenfte, Gemeinschaftsunterbringungen und befristete Unterbringungssysteme bieten Grundversorgung, aber keine Stabilitaet. Menschen, die dort jahrelang leben, verlieren Anknuepfungspunkte an das gesellschaftliche Leben, finden schwerer Arbeit und haben kaum Spielraum, soziale Netze aufzubauen.

Das Ziel von Projekten unter dem Leitbild "Wohnen statt Unterbringung" ist es, diesen Kreislauf zu unterbrechen: durch fruehzeitige Beratung, konkrete Begleitung bei der Wohnungssuche und eine Bruecke zwischen Behoerden, Vermietern und den Menschen selbst.

Kurzantwort: "Wohnen statt Unterbringung" beschreibt den Ansatz, Gefluechtete beim Uebergang aus Sammelunterkuenften in eigenstaendiges Wohnen aktiv zu begleiten, statt sie jahrelang in provisorischen Strukturen zu lassen. Ziel ist soziale Integration und langfristige Stabilitaet.

Tuer an Tuer e.V. — ein Modell aus der Praxis

In Augsburg hat der Verein Tuer an Tuer e.V. ein community-basiertes Beratungsmodell entwickelt, das inzwischen an vier Standorten in Deutschland wirkt: Augsburg, Berlin, Dresden und Luebeck. Die Idee ist nicht abstrakt, sondern konkret: Gefluechtete erhalten individuelle Unterstuetzung bei allen Schritten, die eine eigene Wohnung erfordert — von der Antragstellung ueber die Kommunikation mit Vermieterinnen und Vermietern bis zur Organisation des Umzugs.

Was dieses Modell von rein buerokratischer Unterstuetzung unterscheidet, ist der community-basierte Ansatz. Peer-Beraterinnen und -Berater — Menschen mit eigener Fluchterfahrung oder Einwanderungsgeschichte — begleiten den Prozess auf Augenhoehe. Das schafft Vertrauen, wo buerokratische Strukturen oft Distanz erzeugen.

Farouk, ein frueherer Beratungsteilnehmer in Augsburg, beschreibt seine Erfahrung so: Drei Jahre lang hatte er nicht gewusst, welche Schritte noetig sind, um ueberhaupt in Betracht fuer eine Wohnung zu kommen. Erst durch gezielte Begleitung habe er verstanden, dass es nicht an ihm lag, sondern an fehlenden Informationen und fehlender Unterstuetzung in der richtigen Sprache und mit dem richtigen Verstaendnis fuer seine Situation.

Kurzantwort: Der Verein Tuer an Tuer e.V. begleitet Gefluechtete an vier deutschen Standorten beim Uebergang in eigenstaendiges Wohnen. Community-basierte Beratung auf Augenhoehe ist das Kernprinzip des Modells.

Warum Gefluechtete besonders oft von Wohnungslosigkeit betroffen sind

Rund ein Drittel aller wohnungslosen Menschen in Deutschland hat keine deutsche Staatsbuergerschaft. Das klingt nach einer Randgruppe, ist aber strukturell erklarbar. Der Einstieg in den Wohnungsmarkt scheitert haeufig nicht am Willen, sondern an konkreten Huerdentechniken: fehlende Schufa-Eintraege, Sprachbarrieren, Unkenntnis des deutschen Mietrights, zurueckhaltende Vermieterinnen und Vermieter.

Wer aus einer Sammelunterkunft heraus eine Wohnung sucht, bringt oft keine der ueblichen Belege mit, die auf dem deutschen Wohnungsmarkt als Einstiegshuerden gelten: kein Mietgesichts, kein bestehendes Mietverhaeltnis als Referenz, kein zuverlaessiges Nettoeinkommen aus einem festen Arbeitsverhaltnis. Diese Faktoren potenzieren sich.

Besonders alarmierend ist, dass nichtdeutsche Obdachlose ueberproportional haeufig auf der Strasse schlafen. Waehrend rund vier von zehn obdachlosen deutschen Staatsangehoerigen unmittelbar auf der Strasse leben, ist es bei nichtdeutschen Obdachlosen mehr als jeder zweite. Das zeigt, dass der Zugang zu formellen Hilfsangeboten selbst noch Barrieren aufweist.

Kurzantwort: Gefluechtete sind ueberproportional oft wohnungslos, weil der deutsche Wohnungsmarkt strukturelle Huerdentechniken hat, die Menschen ohne Miethistorie, Schufa und festes Einkommen systematisch benachteiligen. Nichtdeutsche Obdachlose schlafen dabei oefters direkt auf der Strasse als deutsche Obdachlose.

Das Nationale Aktionsprogramm gegen Wohnungslosigkeit

Die Bundesregierung hat mit dem Nationalen Aktionsprogramm zur Beendigung von Wohnungslosigkeit ein politisches Ziel formuliert: Bis 2030 soll Wohnungslosigkeit in Deutschland ueberwunden werden. Das klingt ambitioniert — und das ist es auch. Denn der Begriff "uberwinden" bedeutet nicht, dass niemand mehr kurzfristig wohnungslos wird, sondern dass kein Mensch dauerhaft ohne Unterkunft bleibt.

Zentral dafuer ist, dass Projekte wie das von Tuer an Tuer e.V. nicht Ausnahmen bleiben, sondern Teil einer strukturellen Antwort werden. Das Aktionsprogramm setzt auf Koordination zwischen Bund, Laendern und Kommunen sowie auf den Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote.

Kritiker weisen darauf hin, dass die Zielerreichung auf einem angespannten Wohnungsmarkt schwierig bleibt. Beratungsangebote koennen den Weg erleichtern — aber sie koennen keine Wohnungen schaffen, wo keine gebaut werden.

Kurzantwort: Das Nationale Aktionsprogramm will Wohnungslosigkeit in Deutschland bis 2030 ueberwinden — nicht durch kurzfristige Massnahmen, sondern durch strukturelle Vernetzung und niedrigschwellige Unterstuetzung. Projekte wie Tuer an Tuer e.V. sind Teil dieser Strategie.

Was gelingt und was bleibt schwierig

Modelle wie das von Tuer an Tuer zeigen, was moeglich ist, wenn Beratung konsequent auf die Lebenssituation der Menschen ausgerichtet wird. Erfolgreiche Vermittlungen in eigenstaendige Mietverhaeltnisse gibt es in allen vier Staedten. Die Nachbegleitung — also die Unterstuetzung auch nach dem Einzug — ist dabei ebenso wichtig wie die Beratung davor.

Gleichzeitig ist der Wohnungsmarkt in deutschen Grossstaedten unter erheblichem Druck. Bezahlbarer Wohnraum wird knapper, Wartelisten fuer Sozialwohnungen sind lang. Das bedeutet: Selbst gut begleitete Gefluechtete stossen oft an Grenzen, die nicht durch bessere Beratung zu loesen sind, sondern durch mehr Wohnungsbau und politisch gesetzte Rahmenbedingungen.

Dennoch zeigt das Modell: Der Uebergang von Unterbringung zu echtem Wohnen ist machbar — wenn die richtigen Strukturen vorhanden sind.

Kurzantwort: Community-basierte Beratungsmodelle funktionieren und ermoeglichen nachgewiesene Uebergaenge in eigenstaendiges Wohnen. Strukturelle Grenzen — Wohnungsknappheit und Marktdruck — bleiben aber bestehen und koennen durch Beratung allein nicht geloest werden.

Auf einen Blick: Wohnen statt Unterbringung

Ziel
Uebergang von Gefluechteten aus Sammelunterkuenften in eigenstaendige Mietverhaeltnisse
Ansatz
Community-basierte Beratung durch Personen mit eigener Einwanderungs- oder Fluchterfahrung
Standorte
Augsburg, Berlin, Dresden, Luebeck (Tuer an Tuer e.V.)
Politischer Rahmen
Nationales Aktionsprogramm zur Beendigung von Wohnungslosigkeit bis 2030
Herausforderung
Angespannter Wohnungsmarkt in Grossstaedten; strukturelle Huerdentechniken auf dem Mietmarkt
Haeufiger Irrtum
Viele gehen davon aus, dass Gefluechtete keine Absicht haben, eine eigene Wohnung zu beziehen. Tatsaechlich scheitert der Uebergang fast immer an fehlenden Strukturen und Informationen, nicht am fehlenden Willen.

Haeufige Fragen zu Wohnen statt Unterbringung

Was ist der Unterschied zwischen Unterbringung und eigenem Wohnen fuer Gefluechtete?
Unterbringung bedeutet befristete Gemeinschaftsunterkuenfte oder Sammelunterkuenfte, in denen mehrere Personen oder Familien zusammenleben und kaum Kontrolle ueber ihre Wohnsituation haben. Eigenstaendiges Wohnen meint ein normales Mietverhaeltnis mit eigener Wohnung, eigenem Mietvertrag und den damit verbundenen Rechten und Pflichten. Der Uebergang ist der kritische Punkt, an dem viele Gefluechtete ohne Begleitung scheitern.
Warum sind nichtdeutsche Obdachlose oefter auf der Strasse als deutsche?
Der Zugang zu formellen Hilfsangeboten setzt oft Deutschkenntnisse, Kenntnis des Systems und Vertrauen in Behoerden voraus. Viele nichtdeutsche Obdachlose kennen ihre Rechte nicht, koennen Formulare nicht ausfuellen oder haben schlechte Erfahrungen mit Behoerden gemacht. Das fuehrt dazu, dass sie seltener Notunterkuenfte nutzen und haeufiger direkt auf der Strasse schlafen, obwohl rechtlich Ansprueche bestehen wuerden.
Was soll das Nationale Aktionsprogramm gegen Wohnungslosigkeit bis 2030 erreichen?
Das Aktionsprogramm will sicherstellen, dass niemand in Deutschland dauerhaft wohnungslos bleibt. Es geht nicht darum, dass niemand jemals voruebergehend seine Wohnung verliert, sondern dass es funktionierende Auffangsysteme gibt und niemand chronisch auf der Strasse lebt. Dafuer sollen Bund, Laender und Kommunen besser koordinieren und niedrigschwellige Hilfe ausgebaut werden.
Kann Beratung allein das Problem der Wohnungslosigkeit bei Gefluechteten loesen?
Nein. Beratung erleichtert den Zugang zum Wohnungsmarkt und hilft, bestehende Angebote besser zu nutzen. Sie kann aber keinen Wohnraum schaffen, der nicht existiert. Auf angespannten Wohnungsmaerkten bleibt das Angebot an bezahlbarem Wohnraum das entscheidende Nadeloeher. Strukturelle Loesungen wie sozialer Wohnungsbau sind deshalb genauso notwendig wie individuelle Beratungsangebote.
Welche anderen Projekte gibt es neben Tuer an Tuer e.V.?
In vielen deutschen Staedten gibt es aehnliche Ansaetze, oft getragen von Wohlfahrtsverbaenden wie Caritas, AWO oder Diakonie, aber auch von kleinen lokalen Initiativen. Housing-First-Projekte, die obdachlosen Menschen zuerst eine Wohnung geben und dann Unterstuetzung anbieten (statt umgekehrt), zeigen ebenfalls gute Ergebnisse und werden in einigen Kommunen erprobt.