Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter. Das bekannteste ist das des Mannes auf der Parkbank — sichtbar, offensichtlich ohne Obdach, mit allem, was er besitzt, neben sich. Dieses Bild ist real, aber es erfasst nur einen Teil der Realität. Die Mehrheit der Menschen, die in Deutschland keine eigene Wohnung haben, ist für die Öffentlichkeit unsichtbar: Sie schlafen bei Bekannten auf dem Sofa, auf einer Luftmatratze bei der Schwester, im Auto. Sie haben keine eigene Wohnung, aber auch keine sichtbare Obdachlosigkeit. Beide Gruppen zusammen ergeben das Gesamtbild der nicht institutionell untergebrachten Wohnungslosigkeit — und dieses Gesamtbild ist für das Jahr 2024 klarer als je zuvor erhoben worden.
Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos?
Die Zahl von 107.700 nicht institutionell untergebrachten Wohnungslosen im Februar 2024 ist das Ergebnis einer bundesweiten Stichtagserhebung. Sie erfasst zwei klar unterschiedliche Gruppen: Menschen, die tatsächlich ohne Unterkunft sind und im Freien, in Parks, Bahnhöfen oder öffentlichen Toiletten schlafen — und Menschen, die zwar ein vorübergehendes Dach über dem Kopf haben, aber keine eigene Wohnung. Diese zweite Gruppe, die sogenannten verdeckt Wohnungslosen, macht mit rund 60.435 Personen den größeren Teil aus.
Hinzu kommen 8.653 Minderjährige unter den nicht institutionell Untergebrachten: 2.051 von ihnen leben ohne jede Unterkunft, 6.602 verdeckt wohnungslos. Dass fast neun Tausend Kinder und Jugendliche von Wohnungslosigkeit betroffen sind, gehört zu den erschütternden Befunden dieser Erhebung.
Die Erhebung erfasst bewusst nur die nicht institutionell untergebrachten Wohnungslosen — also jene, die nicht in Sammelunterkünften, Notunterkünften oder anderen institutionellen Einrichtungen leben. Wer eine Notunterkunft nutzt, taucht in dieser Statistik nicht auf. Das Gesamtbild der Wohnungslosigkeit in Deutschland ist damit noch größer als die genannte Zahl vermuten lässt.
Wohnungslosigkeit 2024: Auf einen Blick
- Stichtag
- Februar 2024
- Gesamt
- 107.700 nicht institutionell untergebrachte Wohnungslose
- Ohne Unterkunft
- 47.270 Personen (schlafen im Freien oder in öffentlichen Räumen)
- Verdeckt wohnungslos
- 60.435 Personen (vorübergehend bei Bekannten/Familie, ohne eigene Wohnung)
- Minderjährige
- 8.653 — davon 2.051 ohne Unterkunft, 6.602 verdeckt
- Veränderung zu 2022
- +14 % gesamt; ohne Unterkunft +21 %, verdeckt +9 %
- Großstädte
- 59 % der Betroffenen leben in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern
Warum die Zahlen gestiegen sind — und wie sie einzuordnen sind
Der Anstieg von 14 Prozent gegenüber 2022 ist erheblich — aber er spiegelt nicht allein eine reale Verschlechterung wider. Ein Teil des Anstiegs erklärt sich durch einen methodischen Effekt: Die Erhebung von 2022 fand in einer Phase statt, in der viele Hilfseinrichtungen und Kommunen noch nicht wieder im Regelbetrieb nach der Coronapandemie arbeiteten. Die Daten von 2022 dürften daher die tatsächliche Zahl der Wohnungslosen unterschätzt haben. Der Vergleich zwischen 2022 und 2024 ist deshalb mit Vorsicht zu interpretieren — er zeigt eine Entwicklung, aber keine exakte Verdoppelung der Wohnungslosigkeit innerhalb von zwei Jahren.
Trotzdem: Auch wenn man den Corona-Effekt einrechnet, bleibt ein realer Anstieg. Die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt, steigende Mieten bei Neuvermietungen und fehlende günstige Wohnungen haben dazu beigetragen, dass mehr Menschen ihre Wohnungen verloren haben — und weniger schnell neue gefunden haben.
Wer ist betroffen — und wo?
Mehr als die Hälfte aller nicht institutionell untergebrachten Wohnungslosen in Deutschland lebt in den sieben größten Städten: Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf. 59 Prozent der Betroffenen befinden sich in Kommunen mit über 500.000 Einwohnern. Das ist kein Zufall. In Großstädten ist die Konkurrenz um günstigen Wohnraum am größten, die Mietpreise sind am höchsten und die Zahl der Menschen, die sich die Mieten nicht leisten können, ist überproportional gestiegen.
Gleichzeitig zeigt die Erhebung: 41 Prozent der Wohnungslosen leben in kleineren Gemeinden. Wohnungslosigkeit ist längst kein Problem, das sich auf Großstädte beschränkt. Auch in Mittelstädten, in ländlichen Räumen und in Regionen, die auf den ersten Blick keine erkennbare Obdachlosenszene haben, gibt es Menschen, die verdeckt oder offen ohne eigene Wohnung leben — oft ohne dass die lokale Öffentlichkeit es wahrnimmt.
Der Übergang: Wer wird wohnungslos — und wie schnell?
Wohnungslosigkeit entsteht selten plötzlich. Die Erhebung zeigt ein bemerkenswertes Muster: Unter den Menschen, die erst seit weniger als drei Monaten wohnungslos sind, lebt ein Drittel ohne Unterkunft und zwei Drittel verdeckt. Mit zunehmender Dauer kehrt sich dieses Verhältnis um — je länger die Wohnungslosigkeit andauert, desto höher wird der Anteil derer, die tatsächlich auf der Straße schlafen. Das ist kein Zufall, sondern Logik: Wer wohnungslos wird, versucht zunächst, bei Bekannten und Verwandten unterzukommen. Das ist der erste und naheliegendste Ausweg. Erst wenn diese sozialen Netzwerke erschöpft sind, landen Menschen auf der Straße. Verdeckte Wohnungslosigkeit ist also nicht nur eine andere Form derselben Not — sie ist oft die erste Station eines Weges, der ohne Intervention weiter nach unten führt.
Wie entsteht Wohnungslosigkeit — die Ursachen
Die Geschichte, die hinter einer Wohnungslosigkeit steckt, folgt selten einem einzelnen dramatischen Ereignis. Häufiger ist es eine Abfolge von Schwierigkeiten, die sich aufschichten: Einer verliert seinen Arbeitsplatz. Die Miete läuft weiter. Das Bürgergeld reicht nicht für die Miete in einer Großstadt. Die Schulden wachsen. Der Vermieter kündigt. Und wer dann eine neue Wohnung sucht — ohne Einkommen, ohne aktuelle Schufa, ohne bürgerliche Referenzen — findet auf dem privaten Wohnungsmarkt faktisch keine Chance.
Eine Spirale: Von der Mietkündigung auf die Straße
Ein Beispiel, das so oder ähnlich täglich vorkommt: Eine alleinerziehende Mutter verliert nach einer längeren Erkrankung ihren Job. Die Jobcenter-Leistungen starten erst mit Verzögerung, die Mietschulden häufen sich auf zwei Monatsmieten. Die Vermieterin kündigt fristlos. Die Frau wendet sich an das Sozialamt — aber der Termin lässt Wochen auf sich warten. In der Zwischenzeit zieht sie mit Kind zur Schwester. Die Schwester wohnt selbst in einer Zweizimmerwohnung. Die Situation ist unhaltbar, aber sie ist noch nicht sichtbar obdachlos. Wenn der Platz bei der Schwester wegfällt, fängt das wirkliche Problem erst an.
Diese Spirale ist kein Einzelfall. Sie ist der Normalfall. Und sie erklärt, warum die Gruppe der verdeckt Wohnungslosen größer ist als die der offen Obdachlosen: Menschen kämpfen zuerst mit allen verfügbaren sozialen Mitteln gegen die sichtbare Obdachlosigkeit — und geraten dabei trotzdem in eine Situation, die kein stabiles Leben zulässt.
Strukturelle Ursachen: Der Wohnungsmarkt
Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 294.399 neue Wohnungen fertiggestellt — deutlich weniger als die politisch angestrebten 400.000 pro Jahr. Gleichzeitig existierte ein Bauüberhang von mehr als 826.800 genehmigten, aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen. Trotz dieser Bautätigkeit stiegen die Mieten, besonders bei Neuvermietungen, weiter an. Der Markt produziert Wohnungen — aber nicht die, die Menschen mit geringem Einkommen brauchen. Günstige Sozialwohnungen verschwinden schneller aus dem Bestand, als neue entstehen.
Wer kein regelmäßiges Einkommen nachweisen kann, hat auf dem privaten Markt keine reale Chance auf eine Wohnung — unabhängig davon, wie viele Wohnungen es theoretisch gibt. Das ist keine Frage mangelnden Willens, sondern strukturell verdrängter Nachfrage. Bezahlbarer Wohnraum ist im europäischen Vergleich der entscheidende Faktor zur Überwindung von Wohnungslosigkeit — und sein Fehlen der wichtigste strukturelle Treiber dafür, dass Menschen wohnungslos bleiben oder werden.
Diskriminierung als Alltag: 71 Prozent der auf der Straße lebenden Menschen haben Diskriminierung erlebt — Beschimpfungen, Benachteiligungen, Ausgrenzung — weil sie wohnungslos sind. Bei verdeckt Wohnungslosen sind es immer noch 51 Prozent. Wohnungslosigkeit ist nicht nur eine materielle Not. Sie geht mit sozialer Ausgrenzung einher, die den Weg zurück in ein stabiles Leben erschwert.
Was gegen Wohnungslosigkeit hilft — und was noch fehlt
Prävention: Den Wohnungsverlust verhindern
Der wirkungsvollste Punkt im System ist derjenige, an dem Wohnungslosigkeit noch nicht eingetreten ist. Mietschuldenprävention, schnelle Interventionen durch Sozialämter bei Räumungsklagen und der direkte Kontakt zwischen Jobcentern und betroffenen Mietern können verhindern, dass aus einer Schuldenspirale ein Wohnungsverlust wird. Eine Facharbeitsgruppe im Rahmen des Nationalen Forums gegen Wohnungslosigkeit erarbeitet derzeit Maßnahmen zum Wohnungserhalt auch für Menschen in Haft — weil der Verlust einer Wohnung während einer Inhaftierung einer der häufigsten Einstiegspunkte in Langzeitwohnungslosigkeit ist.
Das Nationale Forum gegen Wohnungslosigkeit
Seit April 2022 existiert das Bündnis bezahlbarer Wohnraum, und das Nationale Forum gegen Wohnungslosigkeit ist seither aktiv. Die politische Agenda enthält Maßnahmen zur Prävention, zur Krisenintervention und zur Reintegration. Dass Wohnungslosigkeit als eigenständiges politisches Handlungsfeld anerkannt ist, ist ein Fortschritt. Die Lücke zwischen politischer Agenda und Umsetzung ist aber noch groß — insbesondere was die tatsächliche Schaffung von bezahlbarem Wohnraum betrifft.
Housing First: Wohnung zuerst, dann alles andere
Der europäische Vergleich zeigt: In Ländern, die konsequent auf das Modell "Housing First" setzen — also auf die sofortige Bereitstellung einer stabilen Wohnung ohne Vorbedingungen —, sinkt Langzeitwohnungslosigkeit deutlich. Das Modell kehrt die traditionelle Logik der Wohnungslosenhilfe um: Nicht erst Stabilisierung, dann Wohnung, sondern zuerst Wohnung, dann Stabilisierung. Wie dieser Ansatz mit chronischer Wohnungslosigkeit zusammenhängt, beschreibt der Artikel zur Langzeitwohnungslosigkeit in Deutschland.
Was Betroffene jetzt tun können
Für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder bereits wohnungslos sind, gibt es konkrete Anlaufstellen:
- Sozialamt oder kommunale Wohnhilfe — erste Anlaufstelle bei drohendem Wohnungsverlust und für Notunterbringung
- Schuldnerberatung — wenn Mietschulden den Ausgangspunkt bilden; viele Wohlfahrtsverbände bieten kostenlose Beratung
- Jobcenter — für Bürgergeld-Leistungen und Übernahme von Mietkosten
- Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe — Caritas, Diakonie, AWO und Paritätischer betreiben solche Stellen in vielen Städten
- Straßensozialarbeit — aufsuchende Hilfe für Menschen, die bereits auf der Straße leben
- Notunterkünfte — kommunal oder bei Wohlfahrtsverbänden, meist ohne Voranmeldung zugänglich
Wer sich über die Situation in einzelnen Bundesländern informieren möchte, findet einen detaillierten Vergleich im Artikel zum Bundesländervergleich Wohnungslosigkeit. Dass Wohnungslosigkeit auch mit Gewalt gegen Wohnungslose zusammenhängt und diese sich gegenseitig verstärken, beschreibt ein gesonderter Artikel.