Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 sind rund 1,4 Millionen Menschen aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Gleichzeitig sind etwa 300.000 wieder in die Ukraine zurückgekehrt. Damit sind die Ukrainerinnen und Ukrainer — nach Menschen mit türkischen Wurzeln — die zweitgrößte Gruppe mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt? Und wie verläuft die Integration in Erwerbsarbeit?
Auf einen Blick
- Erwerbsbeteiligung
- 21 % in der Haupterwerbsphase (25–59 J.) vs. 85 % in der Gesamtbevölkerung
- Trend
- Anstieg: Sommer 2022: 16 %, Anfang 2023: 19 %, Sommer 2023: 23 %
- Frauen
- 17 % erwerbstätig vs. 81 % in der Gesamtbevölkerung
- Männer
- 30 % erwerbstätig vs. 89 % in der Gesamtbevölkerung
- In Fortbildung
- 40 % — weit mehr als in anderen europäischen Aufnahmeländern
Warum ist die Erwerbsbeteiligung so niedrig?
Die niedrige Erwerbsbeteiligung zu Beginn des Aufenthalts überrascht angesichts des hohen Qualifikationsniveaus der Geflüchteten zunächst. Fast die Hälfte hat einen akademischen Abschluss — Meister, Bachelorabschluss, oft Masterstudium. Trotzdem waren in der Haupterwerbsphase von 25 bis 59 Jahren nur rund 21 Prozent beschäftigt, während es in der deutschen Gesamtbevölkerung 85 Prozent sind.
Drei Faktoren erklären den Unterschied. Erstens: Viele Menschen kamen mit Kleinkindern und haben keinen Betreuungsplatz gefunden. Zweitens: Die Deutschkenntnisse waren anfangs gering — im Sommer 2022 hatten über 80 Prozent der Geflüchteten nach eigenen Angaben kaum oder keine Deutschkenntnisse. Drittens: Die Unsicherheit über die eigene Zukunft — bleibt man oder kehrt man zurück? — ließ viele zunächst abwarten.
Hinzu kommt der rechtliche Rahmen: Deutschland hat frühzeitig auf die Vermittlung in qualifikationsadäquate Beschäftigung gesetzt, was kurzfristig zu geringeren Erwerbsquoten führt als in Ländern, die sofortige Eingliederung in einfachste Jobs priorisieren.
Der Verlauf: Langsam, aber deutlich steigend
Die Daten zeigen einen klaren Aufwärtstrend. Im Sommer 2022, als viele Geflüchtete erst wenige Monate in Deutschland waren, gingen rund 16 Prozent einer Erwerbstätigkeit nach. Bis Anfang 2023 stieg dieser Anteil auf 19 Prozent, bis zum Sommer 2023 auf 23 Prozent. Das ist ein signifikanter Anstieg in kurzer Zeit — auch wenn der Abstand zur Gesamtbevölkerung noch erheblich bleibt.
Besonders deutlich ist der Effekt der Aufenthaltsdauer bei Müttern: Je älter die Kinder werden, desto wahrscheinlicher kehren die Frauen in Erwerbsarbeit zurück. Mütter mit Kindern ab drei Jahren erreichten bis zum Sommer 2023 bereits Erwerbsquoten von 70 Prozent — ein Wert, der für sich spricht.
Entscheidend ist auch der Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Beschäftigung. Bis Mitte 2023 hatten über 300.000 Ukrainerinnen und Ukrainer einen Integrations- oder Sprachkurs begonnen. Anfang 2023 besuchten 65 Prozent aller erwachsenen Geflüchteten einen solchen Kurs, 10 Prozent hatten ihn bereits abgeschlossen.
Deutschland im europäischen Vergleich
Im Vergleich mit anderen EU-Ländern sticht Deutschland auf den ersten Blick negativ heraus: In Tschechien gingen 63 Prozent der ukrainischen Geflüchteten einer Beschäftigung nach, in der Slowakei 53 Prozent, in Polen 44 Prozent — und in Deutschland nur 14 Prozent. Das klingt besorgniserregend.
Der Unterschied erklärt sich jedoch weitgehend durch den deutschen Ansatz: Während andere Länder vor allem rasche Beschäftigung auch in unterwertigen Tätigkeiten fördern, lag in Deutschland der Anteil der Geflüchteten in Integrations- und Sprachkursen bei 40 Prozent — deutlich höher als in jedem anderen Vergleichsland. Deutschland investiert in qualifikationsadäquate Beschäftigung, also in Jobs, die dem tatsächlichen Bildungsstand entsprechen.
Das hat für die Betroffenen und die Gesellschaft langfristige Bedeutung: Eine gut ausgebildete Ukrainerin, die als Ingenieurin oder Ärztin arbeiten kann, leistet mehr — und ist weniger armutsgefährdet — als wenn sie sofort eine Hilfstätigkeit annimmt, die ihre Qualifikation nicht nutzt.
Armut und Sozialleistungen: Was der Unterschied bedeutet
Die geringe Erwerbsbeteiligung hat unmittelbare Folgen für die Armutsgefährdung. Wer nicht arbeitet, lebt in Deutschland von Sozialleistungen — und diese liegen strukturell unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle von 60 Prozent des Medianeinkommens. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der ukrainischen Geflüchteten ist per Definition armutsgefährdet.
Am Jahresende 2022 hatten rund 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit Anspruch auf Sozialleistungen — ein Anstieg um knapp 1.900 Prozent im Vergleich zum Jahresende 2021. Diese Zahl spiegelt die massive und rasche Zuwanderung wider. Mit steigender Erwerbstätigkeit sinkt die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung — was sowohl für die Betroffenen als auch für die öffentlichen Haushalte relevant ist.
Wichtig: Die meisten Geflüchteten wollen arbeiten. Die Hürden sind struktureller Art — fehlende Kitaplätze, lange Wartzeiten bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Sprachbarrieren. Diese sind lösbar, wenn die Infrastruktur stimmt.
Was fördert die Integration in den Arbeitsmarkt?
Mehrere Faktoren beschleunigen den Einstieg in Erwerbsarbeit nachweislich:
- Kitaplatzverfügbarkeit: Mütter, deren Kinder einen Betreuungsplatz haben, sind deutlich häufiger erwerbstätig — das zeigen die Zahlen klar.
- Sprachkenntnisse: Deutschkenntnisse sind der stärkste Prädiktor für Beschäftigung, besonders für qualifikationsadäquate Jobs.
- Abschlussanerkennung: Schnellere Verfahren zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen ermöglichen Ärzten, Lehrern und Ingenieuren, in ihrem Beruf zu arbeiten.
- Aufenthaltsperspektive: Je klarer die Zukunftsperspektive, desto stärker der Wunsch nach Arbeitsmarktintegration — das zeigen Befragungsdaten deutlich.
Anlaufstellen für Geflüchtete: Jobcenter, Migrationsberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände, IQ-Netzwerk zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse, BAMF-Integrationskurse.