Integration & Arbeitsmarkt

Geflüchtete aus der Ukraine: Wie der Weg in den Arbeitsmarkt gelingt — und warum er so lange dauert

Von 1,4 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern in Deutschland waren anfangs nur 16 Prozent erwerbstätig. Warum ist das so — und was zeigt der Blick auf den Verlauf?

Zahlen auf einen Blick

23 %
der Geflüchteten aus der Ukraine erwerbstätig — Sommer 2023 (vs. 16 % bei Ankunft)
40 %
in Integrations- oder Sprachkurs — weit mehr als in anderen Aufnahmeländern
14 %
direkt erwerbstätig in Deutschland (EU-Vergleich: Tschechien 63 %)
1,4 Mio.
Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland — zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe

Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 sind rund 1,4 Millionen Menschen aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Gleichzeitig sind etwa 300.000 wieder in die Ukraine zurückgekehrt. Damit sind die Ukrainerinnen und Ukrainer — nach Menschen mit türkischen Wurzeln — die zweitgrößte Gruppe mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt? Und wie verläuft die Integration in Erwerbsarbeit?

Auf einen Blick

Erwerbsbeteiligung
21 % in der Haupterwerbsphase (25–59 J.) vs. 85 % in der Gesamtbevölkerung
Trend
Anstieg: Sommer 2022: 16 %, Anfang 2023: 19 %, Sommer 2023: 23 %
Frauen
17 % erwerbstätig vs. 81 % in der Gesamtbevölkerung
Männer
30 % erwerbstätig vs. 89 % in der Gesamtbevölkerung
In Fortbildung
40 % — weit mehr als in anderen europäischen Aufnahmeländern

Warum ist die Erwerbsbeteiligung so niedrig?

Die niedrige Erwerbsbeteiligung zu Beginn des Aufenthalts überrascht angesichts des hohen Qualifikationsniveaus der Geflüchteten zunächst. Fast die Hälfte hat einen akademischen Abschluss — Meister, Bachelorabschluss, oft Masterstudium. Trotzdem waren in der Haupterwerbsphase von 25 bis 59 Jahren nur rund 21 Prozent beschäftigt, während es in der deutschen Gesamtbevölkerung 85 Prozent sind.

Drei Faktoren erklären den Unterschied. Erstens: Viele Menschen kamen mit Kleinkindern und haben keinen Betreuungsplatz gefunden. Zweitens: Die Deutschkenntnisse waren anfangs gering — im Sommer 2022 hatten über 80 Prozent der Geflüchteten nach eigenen Angaben kaum oder keine Deutschkenntnisse. Drittens: Die Unsicherheit über die eigene Zukunft — bleibt man oder kehrt man zurück? — ließ viele zunächst abwarten.

Hinzu kommt der rechtliche Rahmen: Deutschland hat frühzeitig auf die Vermittlung in qualifikationsadäquate Beschäftigung gesetzt, was kurzfristig zu geringeren Erwerbsquoten führt als in Ländern, die sofortige Eingliederung in einfachste Jobs priorisieren.

Kurzantwort: Die niedrige Erwerbsbeteiligung der Geflüchteten aus der Ukraine erklärt sich durch fehlende Kinderbetreuung, geringe Deutschkenntnisse bei Ankunft und die Unsicherheit über den weiteren Kriegsverlauf. Deutschland setzt auf Integration durch Sprachkurse, was kurzfristig die Erwerbsquote drückt.

Der Verlauf: Langsam, aber deutlich steigend

Die Daten zeigen einen klaren Aufwärtstrend. Im Sommer 2022, als viele Geflüchtete erst wenige Monate in Deutschland waren, gingen rund 16 Prozent einer Erwerbstätigkeit nach. Bis Anfang 2023 stieg dieser Anteil auf 19 Prozent, bis zum Sommer 2023 auf 23 Prozent. Das ist ein signifikanter Anstieg in kurzer Zeit — auch wenn der Abstand zur Gesamtbevölkerung noch erheblich bleibt.

Besonders deutlich ist der Effekt der Aufenthaltsdauer bei Müttern: Je älter die Kinder werden, desto wahrscheinlicher kehren die Frauen in Erwerbsarbeit zurück. Mütter mit Kindern ab drei Jahren erreichten bis zum Sommer 2023 bereits Erwerbsquoten von 70 Prozent — ein Wert, der für sich spricht.

Entscheidend ist auch der Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Beschäftigung. Bis Mitte 2023 hatten über 300.000 Ukrainerinnen und Ukrainer einen Integrations- oder Sprachkurs begonnen. Anfang 2023 besuchten 65 Prozent aller erwachsenen Geflüchteten einen solchen Kurs, 10 Prozent hatten ihn bereits abgeschlossen.

Kurzantwort: Die Erwerbsbeteiligung der Geflüchteten aus der Ukraine steigt mit der Aufenthaltsdauer stetig: von 16 % (Sommer 2022) auf 23 % (Sommer 2023). Sprachkurse und wachsende Kitaplatzquoten beschleunigen den Prozess deutlich.

Deutschland im europäischen Vergleich

Im Vergleich mit anderen EU-Ländern sticht Deutschland auf den ersten Blick negativ heraus: In Tschechien gingen 63 Prozent der ukrainischen Geflüchteten einer Beschäftigung nach, in der Slowakei 53 Prozent, in Polen 44 Prozent — und in Deutschland nur 14 Prozent. Das klingt besorgniserregend.

Der Unterschied erklärt sich jedoch weitgehend durch den deutschen Ansatz: Während andere Länder vor allem rasche Beschäftigung auch in unterwertigen Tätigkeiten fördern, lag in Deutschland der Anteil der Geflüchteten in Integrations- und Sprachkursen bei 40 Prozent — deutlich höher als in jedem anderen Vergleichsland. Deutschland investiert in qualifikationsadäquate Beschäftigung, also in Jobs, die dem tatsächlichen Bildungsstand entsprechen.

Das hat für die Betroffenen und die Gesellschaft langfristige Bedeutung: Eine gut ausgebildete Ukrainerin, die als Ingenieurin oder Ärztin arbeiten kann, leistet mehr — und ist weniger armutsgefährdet — als wenn sie sofort eine Hilfstätigkeit annimmt, die ihre Qualifikation nicht nutzt.

Kurzantwort: Deutschland hat beim direkten Beschäftigungsanteil ukrainischer Geflüchteter europaweit einen der niedrigsten Werte — aber den höchsten Anteil in Fortbildung und Sprachkursen (40 %). Das zeigt einen anderen Integrationsansatz, nicht schlechtes Ergebnis.

Armut und Sozialleistungen: Was der Unterschied bedeutet

Die geringe Erwerbsbeteiligung hat unmittelbare Folgen für die Armutsgefährdung. Wer nicht arbeitet, lebt in Deutschland von Sozialleistungen — und diese liegen strukturell unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle von 60 Prozent des Medianeinkommens. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der ukrainischen Geflüchteten ist per Definition armutsgefährdet.

Am Jahresende 2022 hatten rund 804.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit Anspruch auf Sozialleistungen — ein Anstieg um knapp 1.900 Prozent im Vergleich zum Jahresende 2021. Diese Zahl spiegelt die massive und rasche Zuwanderung wider. Mit steigender Erwerbstätigkeit sinkt die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung — was sowohl für die Betroffenen als auch für die öffentlichen Haushalte relevant ist.

Wichtig: Die meisten Geflüchteten wollen arbeiten. Die Hürden sind struktureller Art — fehlende Kitaplätze, lange Wartzeiten bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Sprachbarrieren. Diese sind lösbar, wenn die Infrastruktur stimmt.

Kurzantwort: Wer nicht erwerbstätig ist, lebt von Sozialleistungen, die unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle liegen. Mit steigender Aufenthaltsdauer und Sprachkompetenz steigt die Erwerbstätigkeit — und damit sinkt das Armutsrisiko der Geflüchteten aus der Ukraine.

Was fördert die Integration in den Arbeitsmarkt?

Mehrere Faktoren beschleunigen den Einstieg in Erwerbsarbeit nachweislich:

  • Kitaplatzverfügbarkeit: Mütter, deren Kinder einen Betreuungsplatz haben, sind deutlich häufiger erwerbstätig — das zeigen die Zahlen klar.
  • Sprachkenntnisse: Deutschkenntnisse sind der stärkste Prädiktor für Beschäftigung, besonders für qualifikationsadäquate Jobs.
  • Abschlussanerkennung: Schnellere Verfahren zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen ermöglichen Ärzten, Lehrern und Ingenieuren, in ihrem Beruf zu arbeiten.
  • Aufenthaltsperspektive: Je klarer die Zukunftsperspektive, desto stärker der Wunsch nach Arbeitsmarktintegration — das zeigen Befragungsdaten deutlich.

Anlaufstellen für Geflüchtete: Jobcenter, Migrationsberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände, IQ-Netzwerk zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse, BAMF-Integrationskurse.

Kurzantwort: Kitaplätze, Sprachkurse und schnelle Anerkennungsverfahren für Berufsabschlüsse sind die wirksamsten Hebel für die Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter. Ohne Kinderbetreuung bleibt Erwerbstätigkeit für Mütter mit Kleinkindern strukturell ausgeschlossen.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind so viele Geflüchtete aus der Ukraine nicht erwerbstätig?

Die drei Hauptgründe sind fehlende Kinderbetreuungsplätze, geringe Deutschkenntnisse bei Ankunft und die Unsicherheit über den weiteren Aufenthalt. Hinzu kommt, dass Deutschland auf qualifikationsadäquate Beschäftigung setzt — das dauert länger, ist aber nachhaltiger als eine sofortige Eingliederung in nicht-qualifizierte Tätigkeiten.

Dürfen Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland arbeiten?

Ja. Mit der Aktivierung der EU-Richtlinie zum vorübergehenden Schutz erhielten Ukrainerinnen und Ukrainer frühzeitig einen befristeten Aufenthaltstitel, der Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Integrationskursen und zu Sozialleistungen bietet. Dieser Schutz war zunächst bis März 2025 befristet.

Wie entwickelt sich die Erwerbstätigkeit mit der Zeit?

Klar aufsteigend: Von 16 Prozent im Sommer 2022 auf 23 Prozent im Sommer 2023. Je länger der Aufenthalt, desto mehr sinken Sprachbarrieren, desto eher finden Kinder Kitaplätze und desto häufiger werden Abschlüsse anerkannt.

Warum hat Deutschland eine niedrigere Erwerbsquote als andere Länder wie Tschechien?

Weil Deutschland stärker auf Qualifizierung und Spracherwerb setzt: 40 Prozent der Geflüchteten befanden sich in Integrations- oder Sprachkursen, in anderen Ländern ist dieser Anteil deutlich geringer. Tschechien, Polen und die Slowakei fördern vor allem schnellen Einstieg in den Arbeitsmarkt — auch in nicht-qualifizierten Jobs.

Welche Unterstützung gibt es beim Einstieg in den Arbeitsmarkt?

Jobcenter vermitteln in Beschäftigung und Qualifizierungsmaßnahmen. Das IQ-Netzwerk hilft bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. BAMF-Integrationskurse vermitteln Sprachkenntnisse. Wohlfahrtsverbände bieten ergänzende Migrationsberatung an.