Thema: Familie, Demografie & soziale Lage · Stand: 2024

FReDA-Studie: Was die Familiendemografie-Forschung uber Deutschland sagt

Zahlen & Fakten

Was ist die FReDA-Studie und warum ist sie wichtig?

Kurzantwort

FReDA ist eine reprasentative Langsschnittstudie zu Familie, Partnerschaft und Elternschaft in Deutschland. Sie befragt dieselben Menschen uber Jahre und liefert damit tiefere Einblicke als Querschnittserhebungen.

Familienforschung in Deutschland hat eine lange Tradition. Was sich verandert hat, ist das Werkzeug: Die FReDA-Studie — kurz fur "Familien in Deutschland" — ist ein Panelformat, bei dem dieselben Personen in regelmassigen Abstanden befragt werden. Das unterscheidet sie grundlegend von einmaligen Querschnittserhebungen.

Wer dieselbe Person uber funf, zehn oder zwanzig Jahre begleitet, kann Veranderungen im Leben sichtbar machen: Wer bekommt Kinder — und unter welchen Umstanden? Wer trennt sich, und welche Folgen hat das fur das Einkommen? Wie verandert sich der Kinderwunsch uber die Lebensjahre? Wer arbeitet nach der Elternzeit wieder Vollzeit, und wer nicht? Solche Fragen lassen sich nur mit Langzeitdaten beantworten.

FReDA hat 2021 das bisherige PAIRFAM-Panel abgelost und weiterentwickelt. PAIRFAM hat die Partnerschafts- und Familienentwicklung uber viele Jahre dokumentiert. FReDA setzt auf eine grossere Stichprobe und einen breiteren Fokus, der auch Themen wie Erwerbstatigkeit, wirtschaftliche Lage, Wohnen und Wohlbefinden starker einbezieht.

Die Daten sind fur die Wissenschaft frei zuganglich. Das macht FReDA zu einem zentralen Baustein der deutschen Sozialforschungsinfrastruktur und ermoglicht es Forschenden aus verschiedenen Disziplinen, auf denselben Datensatz aufzubauen.

Lebensformen im Wandel: Was FReDA zeigt

Kurzantwort

Nichteheliche Lebensgemeinschaften nehmen zu, Singlehaushalte ebenfalls. Die traditionelle Eheform mit Kindern ist nach wie vor verbreitet, aber nicht mehr die einzige gelebte Normalitat.

Ein zentrales Ergebnis der Familienforschung der vergangenen Jahrzehnte ist die Vielfalt der Lebensformen, die sich in Deutschland herausgebildet hat. FReDA dokumentiert diese Vielfalt systematisch und langsschnittlich.

Nichteheliche Lebensgemeinschaften — also Paare, die zusammenleben, ohne verheiratet zu sein — sind erheblich haufiger geworden. Sie gelten fur viele jungere Menschen als normale erste Phase einer Partnerschaft, manchmal als Dauerzustand, manchmal als Vorstufe zur Ehe. Rechtlich sind sie der Ehe jedoch in vielen Punkten nicht gleichgestellt, was im Trennungsfall oder beim Tod eines Partners zu erheblichen Nachteilen fuhren kann.

Singlehaushalte machen inzwischen in Deutschland einen grosen Anteil aller Haushalte aus. Besonders in Grossstadten leben viele Menschen allein — nicht nur altere, sondern zunehmend auch jungere und mittlere Altersgruppen. Das hat Konsequenzen fur Wohnungsmarkt, Rentenversicherung und Pflegebedarf.

Patchwork-Familien, also Haushalte mit Kindern aus verschiedenen Partnerschaften, sind ebenfalls Teil des Familienbilds in Deutschland. Sie stellen Familienpolitik vor Herausforderungen, weil traditionelle Modelle der Forderung und des Rechtssystems nicht immer passen.

Kinderwunsch und Geburtenrate

Kurzantwort

Im Durchschnitt wunschen sich Menschen in Deutschland rund 1,5 Kinder. Die tatsachliche Geburtenrate liegt bei ahnlichen Werten. Die Lucke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist kleiner als oft behauptet — aber strukturelle Hindernisse bleiben.

Eine vielzitierte Debatte dreht sich um die sogenannte Kinderwunschlucke: Wunschen sich Menschen mehr Kinder, als sie tatsachlich bekommen? FReDA liefert hierzu differenzierte Daten.

Der durchschnittlich gewunschte Kinderwunsch liegt in Deutschland bei etwa 1,5 Kindern. Die tatsachliche zusammengefasste Geburtenziffer lag 2023 bei rund 1,46. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist damit auf Aggregatebene kleiner als in alteren Studien. Das bedeutet nicht, dass alle Hindernisse uberwunden sind, sondern dass die Durchschnittswerte relativ nah beieinander liegen.

Hinter dem Durchschnitt verbergen sich jedoch grosse Unterschiede. Manche Menschen bekommen mehr Kinder als gewunscht, andere weniger. Fur bestimmte Gruppen — etwa Frauen in unsicherer Beschaftigung oder Paare, die keinen Kitaplatz finden — bleibt der Kinderwunsch ofter unerfullt.

Kinderlosigkeit: Trend bei hochqualifizierten Frauen

Kurzantwort

Kinderlosigkeit steigt, besonders bei hochqualifizierten Frauen. FReDA zeigt, dass dieser Zusammenhang mit Erwerbsbiografien, Partnerschaft und strukturellen Rahmenbedingungen zusammenhangt.

Deutschland zahlt zu den Landern mit einer der hochsten Kinderlosigkeitsquoten weltweit. Ein erheblicher Anteil der Frauen eines Jahrgangs bleibt dauerhaft kinderlos. FReDA zeigt, dass Kinderlosigkeit nicht zufallig verteilt ist, sondern stark mit Bildung und Erwerbsbiografie zusammenhangt.

Hochqualifizierte Frauen sind in Deutschland uberdurchschnittlich haufig kinderlos. Das hat mehrere Grunde: Lange Ausbildungszeiten schieben das erste Kind nach hinten. Beruflicher Ehrgeiz und der Aufbau einer Karriere konkurrieren mit dem Zeitfenster fur Elternschaft. Und strukturell: Wer eine Vollzeitstelle in einem anspruchsvollen Beruf hat, findet das deutsche System — mit seinen begrenzten Krippenplatzen und dem starken Teilzeitdruck fur Mutter — wenig kompatibel mit dem eigenen Lebensentwurf.

Das ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Bedingungen. Solange Elternschaft — und hier besonders Mutterschaft — mit erheblichen Karrierenachteilen verbunden ist, werden Abwagungen zugunsten der Kinderlosigkeit rational bleiben.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Das meistgenannte Thema

Kurzantwort

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das haufigste Thema in der Familienforschung — und in der Lebenswirklichkeit vieler Eltern. Kita-Mangel und starre Arbeitszeiten sind die grosten Hindernisse.

Wer die Befunde der FReDA-Studie und verwandter Forschung zusammenfasst, stost immer wieder auf dasselbe Thema: Vereinbarkeit. Die Frage, wie Elternschaft und Erwerbsarbeit gleichzeitig gelingen konnen, ist fur viele Familien die zentrale Alltagsfrage.

Deutschland hat in den vergangenen Jahren erheblich in den Ausbau der Kinderbetreuung investiert. Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem ersten Lebensjahr existiert. Die Realitat ist aber eine andere: In vielen Regionen — besonders in Westdeutschland und in Grossstadten — fehlen Platze. Wartelisten sind lang, Offnungszeiten oft nicht mit Vollzeitarbeit vereinbar.

Viele Mutter reduzieren nach der Geburt ihre Arbeitszeit erheblich oder steigen vorubergehend aus. Das hat langfristige Folgen fur ihre Rentenanspruche, ihre Karriere und ihre wirtschaftliche Unabhangigkeit. Vater sind heute zwar starker an der Kinderbetreuung beteiligt als fruhere Generationen, doch die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern ist weiterhin ausgepragt.

Armut und Familienstabilitat: Was FReDA verbindet

Kurzantwort

FReDA zeigt eine enge Verbindung zwischen Einkommensarmut und Familienstabilitat. Armut belastet Partnerschaften, erhoht das Trennungsrisiko und wirkt sich direkt auf Kinder aus.

Eines der wichtigsten sozialpolitischen Ergebnisse der Familienforschung ist der Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und Familienstabilitat. Armut ist kein neutraler Kontext — sie verandert, wie Partnerschaften funktionieren, wie Kinder aufwachsen und welche Chancen sie spater haben.

Finanzielle Belastung ist ein haufiger Trennungsgrund. Wer dauerhaft zu wenig Geld hat, lebt unter chronischem Stress. Dieser Stress belastet die Paarbeziehung. Konflikte um Geld, um Aufgabenteilung, um Zukunftsperspektiven haufen sich. Das Trennungsrisiko ist in einkommensschwachen Haushalten messbar hoher.

Trennung wiederum hat okonomische Konsequenzen, die Armut verstarken konnen — besonders fur Alleinerziehende. Alleinerziehende Mutter gehoren in Deutschland zu den einkommensschwachsten Gruppen uberhaupt. Das Erwerbseinkommen reicht oft nicht aus, weil Teilzeit oder unterbrochene Erwerbsbiografien die Verdienste drucken. Staatliche Unterstutzung fliest, aber luckenlos ist sie nicht.

Fur Kinder bedeutet das: Armut ist kein momentaner Zustand, sondern pagt Chancen. Kinder, die in einkommensschwachen Haushalten aufwachsen, haben im Durchschnitt schlechtere Bildungsabschlusse, geringere Gesundheit und niedrigere spatere Einkommen. FReDA ermoglicht es, diese Pfade im Langschnitt zu verfolgen und damit die Mechanismen der Weitergabe von Armut sichtbar zu machen.

Pandemie und Demografie: Was FReDA dokumentierte

Kurzantwort

Die Corona-Pandemie hat einen temporaren Anstieg der Geburtenzahlen ausgelost. FReDA konnte diesen Effekt durch die laufende Befragung dokumentieren und einordnen.

Die COVID-19-Pandemie war ein beispielloser gesellschaftlicher Einschnitt. Fur die Familienforschung war sie auch ein naturliches Experiment: Wie verandern sich Kinderwunsch und Geburtenzahlen unter den Bedingungen von Lockdowns, Homeoffice und sozialer Isolierung?

FReDA konnte durch die laufende Pandemie-Phase belastbare Daten sammeln. Ein Befund: Die Geburtenzahlen stiegen 2021 leicht an. Dieser kurze Anstieg wurde in der Presse oft als "Corona-Baby-Boom" bezeichnet. FReDA-Daten zeigen, dass es sich eher um einen vorgezogenen Effekt handelte: Paare, die bereits Kinder wollten, fuhlten sich durch die gemeinsam verbrachte Zeit oder veranderte Lebensumstande eher bestatigt in ihrem Wunsch — und zogen den Kinderwunsch zeitlich vor.

Gleichzeitig dokumentiert die Studie, wie die Pandemie die Ungleichheiten in der Aufgabenteilung zuhause verstarkte. Wahrend Homeoffice fur manche Eltern mehr Flexibilitat brachte, ubernahmen Mutter uberproportional haufig Betreuungsaufgaben, als Schulen und Kitas geschlossen waren. Diese Entwicklung hat Spuren in Erwerbsbiografien hinterlassen.

Forschungsinfrastruktur: Offene Daten fur die Wissenschaft

Kurzantwort

FReDA-Daten sind fur die Wissenschaft frei zuganglich. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Forschungsinfrastruktur — und ermoglicht es, Fragen zu stellen, die noch gar nicht gestellt wurden.

Eine Starke von FReDA liegt in seinem Ansatz zur Datenoffenheit. Die erhobenen anonymisierten Daten werden der Wissenschaft uber den GESIS — Leibniz-Institut fur Sozialwissenschaften — zuganglich gemacht. Forschende konnen die Daten fur eigene Analysen nutzen, ohne neue Erhebungen durchfuhren zu mussen.

Das hat mehrere Vorteile: Erstens konnen Befunde unabhangig uberpruft werden. Zweitens konnen Forschende aus verschiedenen Disziplinen — Soziologie, Okonomie, Psychologie, Public Health — auf denselben Datensatz zugreifen und unterschiedliche Fragen stellen. Drittens entsteht uber die Zeit ein wachsendes Archiv, das zukunftige Vergleiche ermoglicht.

Diese Art von Forschungsinfrastruktur ist eine gesellschaftliche Investition. Die Erkenntnisse, die aus FReDA-Daten gewonnen werden, informieren politische Entscheidungen — uber Familienpolitik, Rentenrecht, Kitaausbau, Elterngeld und vieles mehr. Solide Daten sind die Grundlage fur solide Politik.

Haufige Fragen zur FReDA-Studie

Was ist die FReDA-Studie?

FReDA steht fur "Familien in Deutschland" und ist eine bundesweite Langsschnittstudie, die seit 2021 lauft. Sie befragt dieselben Personen uber Jahre hinweg zu Themen wie Partnerschaft, Kinderwunsch, Elternschaft und Erwerbstatigkeit.

Was ist der Unterschied zwischen FReDA und PAIRFAM?

PAIRFAM war ein ahnliches Panelprojekt, das uber viele Jahre Partnerschafts- und Familienentwicklung dokumentiert hat. FReDA ist sein Nachfolger mit grosserer Stichprobe und einem erweiterten thematischen Fokus, der auch wirtschaftliche Lage und Wohnen starker einbezieht.

Wie hoch ist die Geburtenrate in Deutschland?

Die zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland lag 2023 bei rund 1,46 Kindern pro Frau. Das ist deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1.

Warum sind hochqualifizierte Frauen in Deutschland haufiger kinderlos?

Lange Ausbildungszeiten, fehlende Krippenplatze, Karrierenachteile durch Mutterschaft und starre Arbeitszeitmodelle machen es fur Frauen in anspruchsvollen Berufen schwerer, Elternschaft und Beruf zu verbinden. Kinderlosigkeit ist dann oft keine ideologische Entscheidung, sondern Ergebnis struktureller Hindernisse.

Wie hangt Armut mit Familienstabilitat zusammen?

Einkommensarmut belastet Partnerschaften durch chronischen Stress und Konflikte um Geld. Das Trennungsrisiko ist in einkommensschwachen Haushalten erhoht. Alleinerziehende nach einer Trennung — uberwiegend Frauen — sind in Deutschland besonders haufig von Armut betroffen.

Konnen Forschende FReDA-Daten nutzen?

Ja. Die anonymisierten FReDA-Daten werden uber das GESIS — Leibniz-Institut fur Sozialwissenschaften — der Wissenschaft zugangig gemacht. Forschende konnen sie fur eigene Analysen beantragen und nutzen.