Seit dem Jahr 2005 ist die Zahl der Menschen in Deutschland ohne Einwanderungsgeschichte von 66,8 Millionen auf 58,7 Millionen zurückgegangen. Das ist ein Minus von über acht Millionen Menschen innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten. Dieser Wandel ist kein Zufall, sondern das Ergebnis tiefgreifender gesellschaftlicher Verschiebungen — und er hat Folgen für Armut, Sozialstruktur und Lebenschancen.
Deutschland verändert sich — und das lässt sich in Zahlen ablesen, die zunächst nüchtern wirken, bei näherer Betrachtung aber eine ganze Gesellschaft beschreiben. Die Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte macht heute noch rund 70 Prozent aller Menschen in Deutschland aus. Aber dieser Anteil sinkt. Und er sinkt nicht zufällig, sondern aus nachvollziehbaren Gründen, die sich auf Armut, Bildung, Arbeit und soziale Strukturen auswirken.
Der Begriff "Einwanderungsgeschichte" geht weiter als der ältere Begriff "Migrationshintergrund". Er erfasst nicht nur Menschen, die selbst zugewandert sind, sondern auch deren Kinder — unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder in Deutschland geboren wurden. "Ohne Einwanderungsgeschichte" bedeutet: Weder die Person selbst noch ihre Eltern haben den Weg nach Deutschland von außen angetreten.
Im Jahr 2005 lebten noch gut 66,8 Millionen solcher Menschen in Deutschland. Bis 2023 sank diese Zahl auf 58,7 Millionen — ein Rückgang um mehr als acht Millionen, was einem Minus von 12,2 Prozent entspricht. Gleichzeitig stieg die Zahl der Eingewanderten im selben Zeitraum um mehr als die Hälfte: von rund 10,5 Millionen auf 16,2 Millionen. Die Nachkommen von Eingewanderten haben sich nahezu verdoppelt — von knapp 2,6 Millionen auf 5 Millionen Menschen.
Die Gesamtbevölkerung Deutschlands ist also nicht geschrumpft. Sie hat sich vielmehr in ihrer Zusammensetzung verändert. Und diese Veränderung hat reale Konsequenzen für Fragen der sozialen Ungleichheit, der Armutsgefährdung und der gesellschaftlichen Teilhabe.
Ein Teil des Rückgangs hat eine wenig beachtete Ursache: Seit dem Jahr 2005 gibt es bei der deutschen Bevölkerung einen kontinuierlichen Wanderungsverlust. Das bedeutet, dass mehr deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger Deutschland verlassen als zurückkehren oder neu zuwandern. In den 1990er Jahren lagen die jährlichen Fortzüge von Deutschen noch bei rund 110.000 Personen. Im Jahr 2008 war diese Zahl bereits auf etwa 175.000 gestiegen.
Dieser Trend ist eng mit dem Rückgang der Spätaussiedlerzuwanderung verbunden. Jahrzehntelang kamen deutschstämmige Familien aus Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien nach Deutschland — in den 1950er und dann besonders stark in den späten 1980er und 1990er Jahren. Seit Beginn des neuen Jahrtausends versiegte dieser Zustrom nahezu vollständig. Heute kommen weniger als 10.000 Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler pro Jahr.
Was bleibt, ist eine Bevölkerungsgruppe, die biologisch älter wird und deren natürlicher Schwund durch die reduzierten Zuzüge nicht mehr ausgeglichen wird. Das ist demografische Mathematik — keine politische Aussage.
Wichtige Einordnung: Der Rückgang der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte bedeutet keine gesellschaftliche Schwächung. Er ist das Ergebnis unterschiedlicher Geburtenraten, Alterungseffekte und Wanderungssalden. Die wachsende Vielfalt in der Zusammensetzung der Bevölkerung stellt Deutschland vor gestalterische, nicht nur administrative Aufgaben.
Das Durchschnittsalter von Menschen ohne Einwanderungsgeschichte lag 2023 bei 47,2 Jahren. Damit sind sie im Schnitt fast zehn Jahre älter als Menschen mit Einwanderungsgeschichte, deren Durchschnittsalter 37,7 Jahre betrug. Bei Nachkommen von Eingewanderten lag der Wert sogar bei nur 20,3 Jahren.
Diese Altersunterschiede sind kein statistischer Zufall. Sie spiegeln wider, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte bereits im Rentenalter ist oder sich diesem nähert. Mehr als die Hälfte — 51,6 Prozent — dieser Gruppe war 2023 mindestens 50 Jahre alt. Allein die Altersgruppe der 50- bis 74-Jährigen stellte 38,4 Prozent.
Dieses hohe Durchschnittsalter hat direkte Folgen: Es erklärt, warum die Gruppe einen höheren Rentenanteil aufweist, seltener in Ausbildung ist und in bestimmten Sozialindikatoren anders dasteht als jüngere Bevölkerungsgruppen. Wer soziale Vergleiche zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte zieht, muss diesen Alterseffekt stets berücksichtigen — sonst werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Die Armutsgefährdungsquote bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte liegt bei 11,5 Prozent. Das bedeutet: Rund jeder neunte Mensch dieser Gruppe lebt unterhalb der relativen Armutsgrenze. Das ist eine gesellschaftlich relevante Zahl — und doch deutlich niedriger als bei anderen Gruppen.
Bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte liegt die Armutsgefährdungsquote mit 24,3 Prozent mehr als doppelt so hoch. Menschen mit sogenannter einseitiger Einwanderungsgeschichte — bei denen nur ein Elternteil eingewandert ist — liegen mit 14,8 Prozent zwischen beiden Gruppen. Die Unterschiede sind real, aber sie lassen sich nicht allein durch Herkunft erklären.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf Erwerbstätige. Bei denjenigen ohne Einwanderungsgeschichte, die einer Arbeit nachgehen, sinkt die Armutsgefährdungsquote auf 7,1 Prozent. Bei erwerbstätigen Menschen mit Einwanderungsgeschichte liegt sie trotz Arbeit noch bei 14,7 Prozent — fast doppelt so hoch. Das verweist auf strukturelle Unterschiede im Arbeitsmarkt, die über bloße Beschäftigung hinausgehen: Welche Art von Arbeit? Zu welchem Lohn? Unter welchen Bedingungen?
Auch die Haushaltsgröße und Familienstruktur spielen eine Rolle. Rund 60,7 Prozent der Menschen mit Einwanderungsgeschichte lebten 2023 in Familienhaushalten — also in Haushalten, in denen Eltern und Kinder gemeinsam wohnen. Bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte war das nur bei 43,4 Prozent der Fall. Größere Haushalte bedeuten einerseits mehr Solidarität, andererseits in der Regel auch mehr finanzielle Belastung pro Erwachsenem.
Wer mehr über die Folgen von Armut im Alter erfahren möchte, findet auf dieser Website einen eigenen Überblick zur Altersarmut in Deutschland. Ebenso lohnt ein Blick auf die Seite zur Einkommensungleichheit, die den breiteren gesellschaftlichen Kontext aufzeigt.
Am Arbeitsmarkt zeigen sich klare strukturelle Unterschiede. Menschen ohne Migrationshintergrund waren häufiger in mittleren und höheren Angestelltenpositionen beschäftigt als Personen mit Migrationshintergrund — 51 Prozent gegenüber 41 Prozent. Ein Teil dieser Differenz lässt sich wiederum auf Altersunterschiede und die damit zusammenhängende Berufserfahrung zurückführen.
Auffällig ist auch, dass Menschen mit Beamtenstatus unter Eingewanderten deutlich seltener vorkommen. Das liegt nicht an fehlender Qualifikation, sondern an einer formalen Hürde: Die meisten Beamtenstellen setzen die deutsche oder die Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Landes voraus. Wer diese Voraussetzung nicht erfüllt, ist von einem ganzen Segment des öffentlichen Dienstes ausgeschlossen.
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass der Selbstständigenanteil bei Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte mit 7,3 Prozent kaum geringer ist als bei solchen ohne Einwanderungsgeschichte. Das widerlegt das Klischee, Menschen mit Einwanderungsbiografie seien wirtschaftlich passiv oder inaktiv.
Die Erwerbsquoten der Gesamtbevölkerung sind in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen — insbesondere durch die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen. Bei Frauen ohne Einwanderungsgeschichte lag die Erwerbsquote 2023 bei 65,7 Prozent — um knapp 13 Prozentpunkte höher als noch 1993. Männer ohne Einwanderungsgeschichte im erwerbsfähigen Alter kamen auf eine Erwerbsquote von 74,5 Prozent. Wer arbeitet, hat deutlich bessere Chancen, der Armut zu entgehen — das gilt für alle Bevölkerungsgruppen.
Die Zahlen beider Gruppen entwickeln sich nicht im luftleeren Raum. Während die Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte schrumpfte, wuchs die Zahl der Eingewanderten von 2005 bis 2023 um rund 54 Prozent auf 16,2 Millionen. Besonders deutlich war der Anstieg zwischen 2013 und 2017 — in jenen Jahren, in denen viele Menschen aus Syrien nach Deutschland flohen. In diesem Zeitraum wuchs die Zahl der Eingewanderten um 27 Prozent, die Zahl der Nachkommen um 32 Prozent.
Auch zwischen 2021 und 2023 beschleunigte sich der Zuwachs erneut: Die Eingewanderten nahmen um 14 Prozent zu, die Nachkommen um 6 Prozent — stark beeinflusst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus folgende Fluchtmigration. Deutschland wurde wiederholt zur Aufnahmegesellschaft in Krisenzeiten — mit erheblichen gesellschaftlichen, sozialen und integrationspolitischen Konsequenzen.
Diese Verschiebungen in der Bevölkerungskomposition sind kein kurzfristiges Phänomen. Sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger Migrationsprozesse und werden die deutsche Gesellschaft auf lange Sicht prägen. Fragen der sozialen Teilhabe, des Bildungszugangs und der Armutsbekämpfung müssen all diese Gruppen im Blick behalten — ohne Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen.
Mehr zur sozialen Lage von Menschen, die in Deutschland wohnungslos wurden, lässt sich auf der Seite zur Wohnungslosigkeit nachlesen. Wer mehr über Chancen im Bildungsbereich erfahren möchte, findet Informationen auf der Seite zur Bildungsarmut.
Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft — das ist kein politisches Programm, sondern eine demografische Beschreibung. Die Frage ist nicht, ob sich die Bevölkerung verändert, sondern wie die Gesellschaft mit dieser Veränderung umgeht.
Die Altersstruktur der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte zeigt: Diese Gruppe wird in den nächsten Jahren weiter schrumpfen, allein durch den natürlichen Verlauf. Gleichzeitig wächst eine junge Generation heran, deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind. Diese Nachkommen stellen 2023 rund 5 Millionen Menschen dar — sie wurden überwiegend in Deutschland geboren, sprechen Deutsch, gehen in deutsche Schulen und werden das Rückgrat der Arbeitswelt von morgen.
Ob diese Generation die gleichen Chancen hat wie Gleichaltrige ohne Einwanderungsgeschichte, ist eine der zentralen sozialpolitischen Fragen der nächsten Jahrzehnte. Die Daten zeigen: In der jüngsten Generation — bei den 17- bis 45-Jährigen — nähern sich die Bildungsabschlüsse von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund an. Beim Sekundarabschluss II lag der Unterschied nahezu bei null. Das ist ein Zeichen, dass Chancengleichheit möglich ist — wenn die richtigen Weichen gestellt werden.
Handlungsbedarf besteht vor allem dort, wo Kinder und Jugendliche trotz guter Ausgangslage an strukturellen Barrieren scheitern: beim Zugang zu guter Bildung, bei der Vermeidung von Kinderarmut und bei der Überwindung von Diskriminierung am Arbeitsmarkt.