Gesundheit & Ungleichheit

Atemwegserkrankungen und soziale Ungleichheit: Wer am häufigsten erkrankt

Schlechte Luft in Wohnungen, Staub am Arbeitsplatz, höhere Raucherquoten bei Niedrigeinkommen — Atemwegserkrankungen sind in Deutschland ungleich verteilt. Wer weniger verdient, trägt ein deutlich höheres Risiko.

Zahlen auf einen Blick
52.358
Todesfälle durch Atemwegserkrankungen in Deutschland (2022)
Häufiger Asthma und Atemwegsinfekte bei Kindern in Armut
20 μg/m³
WHO-Richtwert für Feinstaub PM10, den Deutschland flächendeckend bis 2030 erreichen will
10–12 %
Frühe Schulabgänger (SDG 4.1a) — mit erhöhtem Gesundheitsrisiko durch soziale Benachteiligung

Warum soziale Lage und Lungengesundheit zusammenhängen

Kurzantwort: Wer in Deutschland weniger verdient, lebt häufiger in schlecht belüfteten Wohnungen, arbeitet öfter in schadstoffbelasteten Berufen und raucht häufiger — all das erhöht das Risiko für Atemwegserkrankungen erheblich. Soziale Ungleichheit ist damit nicht nur ein ökonomisches, sondern ein gesundheitliches Problem.

Atemwegserkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Im Jahr 2022 starben 52.358 Menschen an Erkrankungen der Atemwege — 28.140 Männer und 24.218 Frauen. Während die Sterblichkeit durch Kreislauferkrankungen in den zehn Jahren zuvor deutlich zurückging, gewannen Atemwegserkrankungen in der Todesursachenstatistik relativ an Gewicht.

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein Muster, das bei näherer Betrachtung deutlich wird: Das Erkrankungsrisiko ist nicht gleichmäßig über alle Bevölkerungsgruppen verteilt. Menschen mit niedrigem Einkommen, geringer Bildung oder körperlich belastenden Berufen sind überproportional betroffen. Das ist kein Zufall, sondern Folge konkreter Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Wohnqualität: Schimmel als stiller Risikofaktor

Kurzantwort: In Haushalten mit niedrigem Einkommen finden sich häufiger feuchte oder schimmelbefallene Wohnungen. Schimmelsporen reizen die Atemwege chronisch und erhöhen das Risiko für Bronchitis, Asthma und Infektionen der oberen Atemwege deutlich.

Wer wenig verdient, kann sich selten eine gut gedämmte, trockene Wohnung leisten. Beengte Verhältnisse, ältere Bausubstanz und hohe Heizkosten führen dazu, dass arme Haushalte ihre Wohnungen im Winter weniger heizen und weniger lüften. Die Folge: Feuchtigkeit sammelt sich an Wänden und in Ecken, Schimmel entsteht.

Schimmelsporen sind potente Allergene und Reizstoffe. Sie können Entzündungsreaktionen in den Atemwegen auslösen, bestehende Erkrankungen wie Asthma verschlimmern und das Immunsystem dauerhaft belasten. Gerade Kinder, die mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringen, sind besonders gefährdet. Studien zeigen, dass Kinder in einkommensarmen Haushalten rund dreimal häufiger an Asthma und wiederkehrenden Atemwegsinfekten leiden als Gleichaltrige in wohlhabenden Familien.

Wohnbedingungen und Atemwegsrisiken
Schimmelbelastung
Häufiger in feuchten, schlecht belüfteten Altbauwohnungen mit niedrigen Mieten
Heizverhalten
Arme Haushalte heizen seltener ausreichend — erhöht Feuchtigkeit und Erkältungsrisiko
Wohnungsgröße
Enge Verhältnisse begünstigen Übertragung von Atemwegsinfekten
Lage
Günstige Wohnungen liegen oft an verkehrsreichen Straßen mit höherer Feinstaubbelastung

Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz

Kurzantwort: Viele Niedriglohn-Berufe gehen mit erhöhter Exposition gegenüber Staub, Dämpfen und chemischen Substanzen einher. Bau, Bergbau, Landwirtschaft und Textilindustrie zählen zu den Branchen mit dem höchsten Risiko für berufsbedingte Atemwegserkrankungen.

Der Beruf bestimmt maßgeblich, welchen Substanzen ein Mensch im Arbeitsalltag ausgesetzt ist. Wer auf dem Bau arbeitet, inhaliert Zementstaub, Steinmehl und Glasfasern. Landwirte und Landarbeiter atmen Pflanzenschutzmittel, Getreidepollen und Tierhaare ein. In der Textilverarbeitung schweben feine Fasern in der Luft, die sich in der Lunge ablagern können.

Gemeinsam ist diesen Berufen, dass sie häufig schlecht bezahlt sind und von Menschen ausgeübt werden, die wenig Verhandlungsmacht gegenüber ihren Arbeitgebern haben. Schutzausrüstung wird nicht immer bereitgestellt oder getragen, und der wirtschaftliche Druck lässt wenig Spielraum, auf bessere Bedingungen zu bestehen. Berufsbedingte Lungenerkrankungen — von einfacher Bronchitis bis zur Silikose — sind daher sozial ungleich verteilt.

Hinzu kommt, dass Menschen in körperlich belastenden Berufen oft weniger Zugang zu betrieblichem Gesundheitsschutz haben und seltener an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Erkrankungen werden so später erkannt und später behandelt — was die Prognose verschlechtert.

Rauchen: Risikofaktor mit sozialer Schieflage

Kurzantwort: Rauchen ist nach wie vor der wichtigste vermeidbare Risikofaktor für Lungenkrebs und chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen. Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung rauchen häufiger — was einen erheblichen Teil der sozialen Ungleichheit bei Atemwegserkrankungen erklärt.

Rauchen schädigt die Atemwege auf vielfältige Weise: Es lähmt die Selbstreinigungsfunktion der Bronchien, fördert chronische Entzündungen und erhöht das Lungenkrebsrisiko drastisch. Die Sterblichkeit durch Lungenkrebs folgt dabei dem Einkommensgefälle: Wer wenig verdient, erkrankt häufiger und stirbt früher daran.

Dass die Raucherquoten in einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen höher sind, liegt an einem Bündel von Faktoren. Stress, soziale Isolation und das Gefühl, wenig Kontrolle über das eigene Leben zu haben, begünstigen Suchtverhalten. Präventionsprogramme erreichen einkommensschwache Gruppen weniger gut. Und früh begonnenes Rauchen — oft in sozialen Umfeldern, in denen Rauchen normalisiert ist — führt zu langfristigen Gesundheitsschäden, die sich erst Jahrzehnte später zeigen.

Doppelte Belastung: Wer in einem staubbelasteten Beruf arbeitet und zusätzlich raucht, trägt ein Vielfaches des durchschnittlichen Risikos für chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) und Lungenkrebs. Beide Faktoren — berufliche Exposition und Rauchen — sind sozial ungleich verteilt und verstärken sich gegenseitig.

Feinstaubbelastung und räumliche Ungleichheit

Kurzantwort: Günstige Wohnlagen befinden sich häufig in der Nähe von Hauptverkehrsachsen oder Industriegebieten mit erhöhter Feinstaubbelastung. Der WHO-Richtwert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter für PM10 wird in diesen Gebieten öfter überschritten als in ruhigen Wohnvierteln.

Wer wenig Geld hat, kann sich die ruhige Wohnlage nicht aussuchen. Günstige Mieten finden sich oft entlang von Hauptstraßen, an Autobahnen oder in der Nähe von Industrie- und Gewerbegebieten. Diese Lagen sind typischerweise stärker durch Verkehrsabgase und Feinstaub belastet. PM10 — Partikel mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern — können tief in die Bronchien eindringen und Entzündungsprozesse auslösen.

Der WHO-Richtwert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter gilt als Orientierungsmarke, unterhalb derer das Gesundheitsrisiko für die Allgemeinbevölkerung als gering eingestuft wird. Deutschland hat das Ziel formuliert, diesen Wert bis 2030 flächendeckend zu erreichen. Bis dahin bleibt die Belastung ungleich verteilt — mit überproportionalen Auswirkungen auf jene, die sich keine anderen Wohnorte leisten können.

Bildungsarmut und gesundheitliche Benachteiligung

Kurzantwort: Wer die Schule früh abbricht oder ohne Abschluss verlässt, hat schlechtere Chancen auf gesundheitsschonendes Beschäftigung und ist seltener über Gesundheitsrisiken informiert. Der Anteil früher Schulabgänger in Deutschland liegt zwischen 10 und 12 Prozent.

Bildung schützt auf mehreren Wegen vor Atemwegserkrankungen: Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, in einem gesundheitlich weniger belastenden Beruf zu arbeiten, verbessert das Gesundheitswissen und erleichtert den Zugang zu medizinischer Versorgung. Wer die Schule früh abbricht, verliert diesen Schutz mehrfach.

In Deutschland verlassen zwischen 10,1 und 11,6 Prozent der jungen Menschen die Schule ohne Abschluss (SDG-Indikator 4.1a). Diese Gruppe hat statistisch betrachtet ein erhöhtes Risiko, in körperlich belastenden Berufen zu arbeiten, früher zu rauchen und schlechteren Zugang zu präventiver Gesundheitsversorgung zu haben. Atemwegserkrankungen sind damit ein Spiegelbild von Bildungsungleichheit — auch wenn der Zusammenhang komplex und von vielen weiteren Faktoren abhängt.

Was Prävention leisten kann und wo sie an Grenzen stößt

Kurzantwort: Prävention von Atemwegserkrankungen setzt an vielen Punkten an — von Raucherentwöhnung über Feinstaubregulierung bis zu verbesserten Arbeitsbedingungen. Wirkungsvolle Prävention muss aber die soziale Lage mitdenken, sonst erreicht sie die am stärksten betroffenen Gruppen kaum.

Klassische Prävention — Aufklärung über die Schädlichkeit des Rauchens, Impfangebote gegen Grippe und Pneumokokken, Früherkennungsuntersuchungen — ist unbestritten sinnvoll. Sie stößt jedoch an Grenzen, wenn sie nicht auf die konkreten Lebensumstände der Betroffenen eingeht.

Wer in einem Schimmelhaus wohnt und sich keine bessere Unterkunft leisten kann, profitiert wenig von allgemeinen Ratschlägen zur Lüftung. Wer in einem Niedriglohnbetrieb ohne ausreichenden Staubschutz arbeitet, braucht nicht nur Information, sondern verbesserte Arbeitsbedingungen und konsequente Arbeitgeberhaftung. Und wer aus strukturellen Gründen raucht — wegen Stress, sozialer Isolation oder kultureller Normalisierung — braucht zugängliche und kostenlose Unterstützungsangebote, keine erhobenen Zeigefinger.

Wirksame Prävention von Atemwegserkrankungen ist daher immer auch Sozialpolitik: bessere Wohnungspolitik, stärkere Kontrolle von Arbeitsschutzvorschriften, zugängliche Gesundheitsversorgung und Bildungsangebote, die benachteiligte Gruppen tatsächlich erreichen.

Häufige Fragen

Warum erkranken arme Menschen häufiger an Atemwegserkrankungen?
Armut geht mit einer Reihe von Risikofaktoren einher: schlechtere Wohnqualität mit erhöhtem Schimmelrisiko, körperlich belastendere Berufe mit Schadstoffexposition, höhere Raucherquoten und Wohnlagen mit stärkerer Feinstaubbelastung. Diese Faktoren addieren sich und erklären, warum die Erkrankungshäufigkeit sozial ungleich verteilt ist.
Wie viele Menschen sterben in Deutschland jährlich an Atemwegserkrankungen?
Im Jahr 2022 starben 52.358 Menschen in Deutschland an Atemwegserkrankungen — 28.140 Männer und 24.218 Frauen. Atemwegserkrankungen sind damit eine der häufigsten Todesursachen und haben in der Statistik relativ an Gewicht gewonnen, weil die Sterblichkeit durch Kreislauferkrankungen im gleichen Zeitraum stärker zurückging.
Welche Berufe sind besonders von berufsbedingten Atemwegserkrankungen betroffen?
Besonders betroffen sind Beschäftigte in der Bauwirtschaft, im Bergbau, in der Landwirtschaft und in der Textilindustrie. Gemeinsam ist diesen Branchen eine erhöhte Exposition gegenüber Staub, Fasern, Dämpfen oder chemischen Substanzen — bei gleichzeitig oft geringen Löhnen und eingeschränktem Zugang zu betrieblichem Gesundheitsschutz.
Wie hängen Schimmel in Wohnungen und Atemwegserkrankungen zusammen?
Schimmelsporen sind Allergene und Reizstoffe, die bei dauerhafter Exposition chronische Entzündungen der Atemwege auslösen und bestehende Erkrankungen wie Asthma verschlimmern können. Da arme Haushalte häufiger in feuchten, schlecht belüfteten Wohnungen leben, sind sie einem deutlich höheren Schimmelrisiko ausgesetzt.
Warum rauchen Menschen mit niedrigem Einkommen häufiger?
Rauchen ist häufig mit Stress, sozialer Isolation und dem Gefühl begrenzter Kontrolle über das eigene Leben verbunden — Faktoren, die in einkommensarmen Lebenslagen häufiger auftreten. Hinzu kommen soziale Normen in bestimmten Umfeldern, schlechtere Erreichbarkeit von Entwöhnungsangeboten und früher Rauchbeginn, der spätere Erkrankungen wahrscheinlicher macht.
Was bedeutet Feinstaubbelastung für einkommensschwache Haushalte?
Günstige Wohnungen liegen oft an stark befahrenen Straßen oder in der Nähe von Industrie- und Gewerbegebieten — dort ist die Feinstaubbelastung typischerweise höher. Wer sich keine andere Wohnlage leisten kann, ist dauerhaft einer Belastung ausgesetzt, die die Atemwege schädigt und das Risiko für Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen erhöht.