Wer selbst eingewandert ist, lebt in Deutschland häufiger in Armutsnähe als die Kinder und Enkel von Eingewanderten. Dieser Generationenunterschied ist real, messbar — und er erklärt viel darüber, wie Integration im Laufe der Zeit tatsächlich wirkt.
Zahlen auf einen Blick — Mikrozensus 2023 & EU-SILC 2022
Armutsgefährdet ist, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung auskommen muss. Diese Schwelle liegt in Deutschland bei rund 1.300 Euro netto im Monat für eine Einzelperson. Wer darunter fällt, kann grundlegende gesellschaftliche Teilhabe nur eingeschränkt realisieren — sei es bei Wohnen, Bildung oder Gesundheitsversorgung.
Die entscheidende Frage ist dabei nicht nur, ob jemand mit Einwanderungsgeschichte armutsgefährdet ist, sondern wann im Migrationsprozess und in welcher Generation. Denn zwischen dem Moment der eigenen Einwanderung und dem Leben der Kinder und Enkel in Deutschland liegen Welten — nicht nur zeitlich, sondern auch sozial und wirtschaftlich.
Rund 21,2 Millionen Menschen oder etwa jede vierte Person in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte. Davon sind 16,2 Millionen selbst eingewandert, weitere 5 Millionen sind als Nachkommen in Deutschland aufgewachsen — geboren und sozialisiert in einer Gesellschaft, die für ihre Eltern oder Großeltern noch fremd war. Diese Unterscheidung ist analytisch entscheidend: Die Lebenslagen dieser Gruppen unterscheiden sich erheblich.
Die Daten sind eindeutig: Wer selbst eingewandert ist, lebt in Deutschland wesentlich häufiger unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle als jemand, der zwar von eingewanderten Eltern abstammt, aber in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.
Die Armutsgefährdungsquote beträgt für die gesamte Gruppe mit Einwanderungsgeschichte rund 24,3 Prozent. Zum Vergleich: Für Menschen ohne jede Einwanderungsgeschichte liegt dieser Wert bei etwa 11,5 Prozent — also weniger als halb so hoch. Das ist eine der markantesten sozialen Kluft in der deutschen Gesellschaft.
Differenziert man innerhalb der Gruppe mit Einwanderungsgeschichte, zeigt sich ein deutlicher Generationentrend. Besonders betroffen sind Kinder, die selbst eingewandert sind — also Minderjährige, die als Familiennachzug oder unbegleitet nach Deutschland kamen. Ihre Armutsgefährdungsquote liegt bei rund 25,9 Prozent. Die Nachkommen, also die zweite und dritte Generation der in Deutschland geborenen Kinder von Eingewanderten, weisen mit rund 23,4 Prozent eine etwas niedrigere Rate auf — immer noch hoch, aber erkennbar geringer.
Schnellübersicht — Armutsgefährdung nach Gruppe (2022/2023)
Dieser Unterschied von rund 2,5 Prozentpunkten zwischen selbst eingewanderten Kindern und in Deutschland geborenen Nachkommen mag gering wirken. Aber dahinter steckt ein fundamentaler Mechanismus: Jede Generation profitiert von dem, was die vorherige aufgebaut hat — Sprachkenntnisse, Netzwerke, Qualifikationen, soziale Sicherheit.
| Gruppe | Armutsgefährdungsquote | Bewertung |
|---|---|---|
| Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte | ca. 11,5 % | Referenz |
| Nachkommen Eingewanderter (2. Generation) | ca. 23,4 % | Doppelt so hoch wie Referenz |
| Kinder, die selbst eingewandert sind | ca. 25,9 % | Höchste Betroffenheit |
| Insgesamt mit Einwanderungsgeschichte | ca. 24,3 % | Stark erhöht |
Hinter diesem Generationenunterschied stecken keine zufälligen Schwankungen. Es sind strukturelle Faktoren, die systematisch wirken und sich über die Generationen abschwächen — manchmal langsamer, manchmal schneller, je nach Herkunft, Einwanderungsgrund und gesellschaftlichem Empfang.
Wer in Deutschland arbeitet, ist gegen Armut nicht immune — aber deutlich besser geschützt. Der Unterschied bei der Erwerbsbeteiligung zwischen Eingewanderten und der übrigen Bevölkerung ist beträchtlich: Während rund 81 Prozent der Menschen ohne Einwanderungsgeschichte einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, sind es bei den Eingewanderten selbst nur etwa 69 Prozent.
Diese Lücke entsteht nicht aus mangelnder Bereitschaft. Sie spiegelt strukturelle Hürden wider: fehlende Anerkennung ausländischer Abschlüsse, eingeschränkte Sprachkenntnisse unmittelbar nach der Einwanderung, aufenthaltsrechtliche Beschränkungen für bestimmte Gruppen und fehlende berufliche Netzwerke. Bei Nachkommen, die in Deutschland aufgewachsen sind, schließt sich diese Lücke tendenziell — sie sprechen die Sprache, kennen die Strukturen, haben deutsche Abschlüsse.
Besonders deutlich wird das Muster bei Frauen, die kürzlich nach Deutschland eingereist sind und nicht erwerbstätig waren: Ihre Nichterwerbstätigenquote lag bei knapp 50 Prozent — deutlich über dem Wert von Frauen ohne Migrationsgeschichte.
Bildung ist der zuverlässigste Hebel für soziale Mobilität — und gleichzeitig der Bereich, in dem der Generationenunterschied am deutlichsten sichtbar wird. Unter den Nachkommen Eingewanderter verfügt rund die Hälfte über einen nicht-akademischen Berufsabschluss, also etwa eine duale Ausbildung oder einen Fachschulabschluss. Bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte sind es gut 62 Prozent in dieser Gruppe — die Nachkommen haben hier also sogar etwas häufiger akademische Qualifikationen als der Bevölkerungsdurchschnitt vermuten lässt.
Allerdings ist das Bild je nach Herkunftsregion sehr unterschiedlich. Mehr als die Hälfte der Menschen mit nord- oder südamerikanischer Einwanderungsgeschichte hat einen akademischen Abschluss, rund 40 Prozent jener mit Wurzeln in Ostasien. Bei Menschen mit europäischen oder nahöstlichen Wurzeln liegt dieser Anteil jeweils nur bei etwa einem Fünftel. Bildung ist also kein einheitlicher Faktor — Herkunft und Einwanderungsgeschichte formen Bildungswege stark.
Unterbrechene Bildungswege: Viele in den vergangenen Jahren geflüchtete Menschen befanden sich vor ihrer Ankunft in Deutschland noch mitten in ihrer Ausbildung. Diese unterbrochenen Bildungsbiografien sind in den Statistiken nicht als fehlender Abschluss sichtbar, erklären aber einen Teil der Bildungsunterschiede — und zeigen: Es fehlt oft nicht der Wille zur Bildung, sondern die Möglichkeit, sie zu Ende zu führen.
Nicht alle Eingewanderten kommen unter denselben Voraussetzungen nach Deutschland. Wer aus einem EU-Mitgliedsstaat kommt, bringt oft direkt anerkannte Qualifikationen mit, spricht möglicherweise bereits Deutsch und hat Zugang zu denselben Sozialleistungen wie deutsche Staatsangehörige. Wer als Geflüchteter aus einem Kriegsgebiet kommt, steht vor völlig anderen Herausforderungen.
Menschen mit Einwanderungsgeschichte aus EU-Staaten oder aus Nord- und Südamerika finanzieren ihren Lebensunterhalt besonders häufig durch Erwerbstätigkeit — über 60 Prozent in beiden Gruppen. Bei Menschen mit Wurzeln in Asien oder aus Nord- und Südamerika spielt auch familiäre Unterstützung eine nennenswerte Rolle. Das zeigt: Der wirtschaftliche Weg in Deutschland hängt stark davon ab, welche sozialen Netzwerke und welches Kapital jemand mitbringt.
Der Befund, dass Nachkommen eine niedrigere Armutsgefährdungsquote aufweisen als Eingewanderte selbst, ist ein Zeichen dafür, dass Integration über die Zeit wirkt. Aber er darf nicht überbewertet werden: Auch die zweite und dritte Generation ist mit rund 23,4 Prozent mehr als doppelt so häufig armutsgefährdet wie die Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte.
Das bedeutet: Die strukturellen Nachteile verschwinden nicht automatisch mit jeder Generation. Sie schwächen sich ab — aber sie bleiben bestehen. Bildungsbenachteiligung, Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, fehlende Netzwerke: Diese Mechanismen wirken auch dann noch, wenn Deutsch die Muttersprache ist und man noch nie ein anderes Land als Deutschland als Heimat kannte.
Die Zahl der Eingewanderten in Deutschland ist von 2005 bis 2023 um mehr als die Hälfte gestiegen — von rund 10,5 Millionen auf 16,2 Millionen. Die Zahl der Nachkommen hat sich im gleichen Zeitraum fast verdoppelt, von rund 2,5 auf 5 Millionen. Der stärkste Anstieg war zwischen 2013 und 2017 zu beobachten, als viele Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Deutschland kamen. Zwischen 2021 und 2023 folgte eine weitere Wachstumsphase, diesmal vor allem durch den russischen Angriff auf die Ukraine.
Diese Wachstumsdynamik bedeutet, dass der Anteil der Personen, die erst kürzlich eingewandert sind und damit die ungünstigsten Startbedingungen haben, in den Statistiken stets hoch bleibt. Langfristige Verbesserungen der Armutssituation sind also nur erkennbar, wenn man die Entwicklung innerhalb von Kohorten betrachtet — also nicht, welcher Anteil der Eingewanderten insgesamt armutsgefährdet ist, sondern wie es denjenigen geht, die vor zehn oder zwanzig Jahren kamen.
Familien mit Einwanderungsgeschichte sind in Deutschland häufiger traditionell strukturiert. Im Jahr 2023 lebten in 74 Prozent dieser Familien Ehepaare mit Kindern — verglichen mit 64 Prozent bei Familien ohne Einwanderungsgeschichte. Alleinerziehende sind bei Familien mit Einwanderungsgeschichte seltener (17 Prozent) als ohne (22 Prozent).
Gleichzeitig sind Familien mit Einwanderungsgeschichte häufiger kinderreich: In 12 Prozent dieser Familien wachsen drei minderjährige Kinder auf, in 5 Prozent vier oder mehr. Zum Vergleich: Bei Familien ohne Einwanderungsgeschichte sind das 8 beziehungsweise 2 Prozent. Mehr Kinder bei gleichzeitig niedrigerem Einkommen erhöht das Armutsgefährdungsrisiko — das erklärt auch, warum die Quoten für Kinder besonders hoch sind.
Armutsgefährdung ist kein Schicksal. Wer in Deutschland armutsgefährdet ist, hat Anspruch auf konkrete Unterstützungsleistungen — unabhängig von der Staatsbürgerschaft. Das Bürgergeld sichert das Existenzminimum für alle Menschen, die erwerbsfähig sind und keinen ausreichenden Lebensunterhalt erzielen. Wer die Voraussetzungen erfüllt, sollte diesen Anspruch kennen und geltend machen.
Für Kinder in armutsgefährdeten Familien gibt es den Kinderzuschlag, das Bildungs- und Teilhabepaket sowie im Bedarfsfall Wohngeld. Diese Leistungen sind nicht automatisch bekannt — viele Berechtigte wissen nicht, dass sie Anspruch haben. Beratungsangebote wie die Jugendmigrationsdienste, Caritas oder Diakonie helfen dabei, diese Leistungen zu erschließen.
Eine der hartnäckigsten Fehlannahmen besteht darin, Armutsgefährdung als Ergebnis individueller Entscheidungen zu sehen. Die Daten widersprechen dem klar: Eingewanderte mit niedrigen Erwerbsquoten sind häufig Personen, deren ausländische Abschlüsse nicht anerkannt werden, die sich in Sprachkursen befinden oder denen der Arbeitsmarktzugang aufenthaltsrechtlich beschränkt ist. Die strukturellen Ursachen sind mächtiger als persönliche Dispositionen.
Wer Armutsgefährdung bei Eingewanderten und ihren Nachkommen verstehen will, muss die Rahmenbedingungen in den Blick nehmen: Anerkennungsverfahren, Bildungssystem, Diskriminierung bei der Wohnungssuche und fehlende Netzwerke. Maßnahmen, die an diesen Strukturen ansetzen, wirken nachhaltiger als punktuelle Hilfen.
Warum sind Eingewanderte häufiger armutsgefährdet als ihre in Deutschland geborenen Kinder?
Wer selbst eingewandert ist, startet häufig ohne anerkannte Abschlüsse, mit eingeschränkten Sprachkenntnissen und ohne berufliche Netzwerke. Die Erwerbsbeteiligung liegt bei Eingewanderten bei rund 69 Prozent — deutlich unter den 81 Prozent der übrigen Bevölkerung. Nachkommen hingegen sind in Deutschland aufgewachsen, haben deutsche Bildungsabschlüsse und sprechen die Sprache als Muttersprache. Das verbessert ihre Arbeitsmarktchancen erheblich und senkt damit die Armutsgefährdungsquote auf rund 23,4 Prozent — verglichen mit 25,9 Prozent bei selbst eingewanderten Kindern.
Sind alle Gruppen von Eingewanderten gleich stark armutsgefährdet?
Nein. Die Herkunftsregion und das Einwanderungsmotiv spielen eine entscheidende Rolle. Menschen mit Einwanderungsgeschichte aus EU-Staaten oder Nord- und Südamerika finanzieren ihren Lebensunterhalt zu über 60 Prozent durch Erwerbstätigkeit. Geflüchtete aus Krisengebieten stehen vor deutlich größeren Hürden — aufenthaltsrechtliche Beschränkungen, unterbrochene Bildungsbiografien und fehlende Anerkennung von Abschlüssen erhöhen das Armutsrisiko erheblich. Die Gesamtquote von 24,3 Prozent verdeckt also sehr unterschiedliche Realitäten.
Verbessert sich die wirtschaftliche Lage von Generation zu Generation wirklich?
Ja — aber die Verbesserung ist begrenzt. Die zweite Generation hat eine niedrigere Armutsgefährdungsquote als die erste. Dennoch sind Nachkommen von Eingewanderten mit rund 23,4 Prozent mehr als doppelt so häufig armutsgefährdet wie die Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte (11,5 Prozent). Der Aufholprozess findet also statt, aber strukturelle Nachteile wie Bildungsbenachteiligung und Diskriminierung am Wohnungsmarkt bleiben auch in der zweiten und dritten Generation wirksam.
Welche Leistungen stehen Eingewanderten zur Verfügung, wenn sie armutsgefährdet sind?
Wer die Voraussetzungen erfüllt, kann unabhängig von der Staatsbürgerschaft Bürgergeld beantragen, wenn der Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln gesichert werden kann. Für Familien mit Kindern gibt es zusätzlich den Kinderzuschlag sowie Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets — etwa für Schulausflüge, Mittagessen oder Lernmaterialien. Wohngeld ist ebenfalls beantragbar. Jugendmigrationsdienste, Caritas, Diakonie und die Beratungsstellen der Bundesagentur für Arbeit helfen bei der Orientierung.
Warum sind Kinder mit Einwanderungsgeschichte so überproportional betroffen?
Kinder sind armutsgefährdet, wenn die Eltern armutsgefährdet sind. Familien mit Einwanderungsgeschichte sind häufiger kinderreich — in 17 Prozent der Fälle gibt es drei oder mehr minderjährige Kinder, verglichen mit 10 Prozent bei Familien ohne Einwanderungsgeschichte. Mehr Kinder bei gleichzeitig niedrigerem Familieneinkommen erhöht die Pro-Kopf-Armutsgefährdung deutlich. Zusätzlich haben viele Eltern der betroffenen Kinder aufenthaltsrechtlich bedingte Einschränkungen beim Arbeitsmarktzugang, was das Familieneinkommen weiter drückt.