Die Europäische Union gilt als Wohlstandsprojekt — doch innerhalb ihrer Grenzen klafft eine erhebliche Vermögenslücke. Bulgarien und Rumänien liegen beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weit unter dem EU-Durchschnitt, während selbst wohlhabendere osteuropäische Länder wie Kroatien, Ungarn und die baltischen Staaten strukturell zurückliegen. Was erklärt diese anhaltende Ungleichheit, und welche Konsequenzen hat sie für Menschen und für die Idee eines gemeinsamen Europas?
Bulgarien und Rumänien haben die höchsten Armutsgefährdungsquoten in der EU — über 30 Prozent der Bevölkerung gelten dort als armutsgefährdet. In Deutschland sind es rund 16 Prozent.
Armutsgefährdung wird in der EU nach einem relativen Maßstab gemessen: Wer weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens verdient, gilt als armutsgefährdet. Das bedeutet: Ein Rumäne mit 400 Euro im Monat kann armutsgefährdet sein, ein Deutscher mit 1.100 Euro ebenfalls — gemessen an den jeweiligen nationalen Standards.
Bulgarien und Rumänien liegen bei diesem Maßstab über 30 Prozent. Das heißt: Mehr als jeder dritte Mensch dort gilt nach nationalem Standard als armutsgefährdet. In Deutschland ist es rund jeder sechste. Doch die absoluten Zahlen sagen noch mehr: Wer in Bulgarien armutsgefährdet ist, lebt von einem Bruchteil dessen, was in Deutschland als Minimum gilt.
Die EU-Kohäsionspolitik — Strukturfonds, Regionalfonds, Investitionen in Infrastruktur — ist explizit darauf ausgelegt, diese Lücken zu schließen. Mit gemischtem Erfolg: Die Infrastruktur in manchen Regionen hat sich verbessert, Straßen wurden gebaut, Universitäten modernisiert. Aber das Einkommen und erst recht das Vermögen der Bevölkerung hinken weiterhin deutlich hinterher.
Jahrzehnte Planwirtschaft haben den Vermögensaufbau unterbunden. Die nachholende Entwicklung nach 1990 wurde durch ungleich verteilte Privatisierungsgewinne und schwache Institutionen gebremst.
Der Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft verlief in keinem der Länder reibungslos. In Rumänien und Bulgarien war der Übergang besonders chaotisch: Staatsbetriebe wurden rasch privatisiert, oft zu Gunsten gut vernetzter Insider. Kapital floss in wenige Hände, während die breite Bevölkerung leer ausging. Die Mittelschicht, die hätte Wohlstand aufbauen können, existierte kaum.
In Ungarn verlief die Transition wirtschaftlich zunächst geordneter — doch politische Entwicklungen der 2010er Jahre haben das Land in eine neue Art von Unsicherheit geführt: EU-Transferzahlungen wurden zeitweise eingefroren, Investoren wurden vorsichtiger, und die Konzentration wirtschaftlicher Macht auf enge politische Netzwerke bremste breite Wohlstandsentwicklung.
Kroatien, erst 2013 EU-Beitritt, kämpft mit den Nachwirkungen des Jugoslawienkrieges in den 1990er Jahren und einer Wirtschaftsstruktur, die stark vom Tourismus abhängt — einer Branche mit saisonalen Niedriglöhnen und wenig Raum für Vermögensaufbau.
Kaufkraftbereinigt sind die Unterschiede kleiner — in Rumänien kauft man für einen Euro mehr als in Deutschland. Aber internationale Waren, Medikamente oder Bildungskosten bleiben teuer. Und soziale Mobilität ist auch kaufkraftbereinigt eingeschränkt.
Wer Einkommens- und Vermögensdaten vergleicht, stößt schnell auf den Einwand: Kaufkraftparität. Ein rumänischer Haushalt mit 700 Euro im Monat kann in Rumänien mehr kaufen als ein gleich großes Budget in München. Mieten sind günstiger, Lebensmittel sind günstiger, lokale Dienstleistungen auch.
Das stimmt — und es ist wichtig, diese Verzerrung zu benennen. Kaufkraftbereinigte Zahlen zeichnen ein etwas freundlicheres Bild. Die Kluft zwischen Bulgarien und Deutschland schrumpft, wenn man sie so misst.
Aber kaufkraftbereinigte Messungen haben Grenzen. Wer ein Smartphone kauft, zahlt weltweit ähnliche Preise. Wer Medikamente aus dem EU-Binnenmarkt braucht, zahlt oft europaweit vergleichbare Preise. Wer ein Kind auf eine Universität im Ausland schicken möchte, zahlt in Euro — nicht in Kaufkrafteinheiten. Und wer ein Auto kauft, eine Reise bucht oder Ersparnisse für die Altersvorsorge anlegt, trifft auf internationale Preise.
Kaufkraftparität erklärt, warum lokale Armut erträglicher sein kann als die nackten Zahlen nahelegen. Sie erklärt nicht, warum gesellschaftliche Aufwärtsmobilität so schwer ist, warum Familien kaum Reserven haben und warum die Abhängigkeit von staatlichen Systemen so hoch bleibt.
Die EU-Freizügigkeit ermöglicht Migration in reichere Länder. Das hilft Einzelnen, aber schwächt die Herkunftsländer durch Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.
Der EU-Binnenmarkt gewährt nicht nur freien Warenverkehr, sondern auch freie Arbeitnehmerfreizügigkeit. Für Menschen in armen EU-Ländern ist das ein Ventil: Wer in Rumänien keine ausreichenden Einkommen findet, arbeitet in Deutschland, Österreich oder Italien. Rund 3,5 Millionen Rumänen leben schätzungsweise dauerhaft im EU-Ausland.
Aus individueller Sicht ist das verständlich und oft richtig. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht des Herkunftslandes ist es problematisch: Die gut Ausgebildeten wandern ab, die weniger Mobilen bleiben — teils ältere Menschen, die weniger verdienen und mehr öffentliche Leistungen benötigen. Der Staat verliert Steuereinnahmen, braucht aber weiterhin Schulen, Krankenhäuser, Rentensysteme.
In Deutschland zeigt sich die Kehrseite dieser Medaille ebenfalls: Rumänische, bulgarische oder ungarische Arbeitnehmer sind in Bereichen tätig, die strukturell niedrig entlohnt sind. Sie schaffen wirtschaftliche Werte, haben aber begrenzte Aufstiegschancen und oft prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die Bildung, die ihre Herkunftsländer finanziert haben, wird im Empfängerland genutzt — ohne Ausgleich.
Lettland und Litauen wählten nach der Finanzkrise 2008 extreme Austeritätspolitik — Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst, Sozialleistungsabbau. Die Wirtschaft erholte sich, aber soziale Folgen sind bis heute spürbar.
Als die globale Finanzkrise 2008 die baltischen Volkswirtschaften traf, war der Einbruch dramatisch. Lettlands Wirtschaft schrumpfte um rund 25 Prozent — einer der stärksten Einbrüche weltweit. Die Reaktion der Regierungen war radikal: Sie wählten harte Austerität statt staatlicher Stimulierung. Löhne im öffentlichen Sektor wurden um 20 bis 30 Prozent gesenkt, Sozialleistungen drastisch gekürzt.
International wurde dieser Weg zeitweise als Erfolgsmodell gefeiert, weil sich die Wirtschaft relativ schnell erholte. Die sozialen Kosten blieben dabei oft unterbelichtet: Gesundheitsversorgung verschlechterte sich, Abwanderung beschleunigte sich, und die Mittelschicht, die am stärksten von Kürzungen im öffentlichen Dienst betroffen war, verlor Vertrauen in den Staat.
Die Narben dieser Periode sind heute noch sichtbar: in ausgedünnten Sozialleistungssystemen, in einem tiefen Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, in einer Generation, die ihre Chancen eher im Ausland sieht als zuhause.
Ärmere EU-Länder sind vom Klimawandel stärker betroffen — durch Hitze, Dürre, veränderte Niederschläge — und haben gleichzeitig weniger finanzielle Mittel zur Anpassung.
Wenn über Vermögensungleichheit in Europa diskutiert wird, bleibt die Klimadimension oft außen vor. Dabei ist sie erheblich: Osteuropäische und südeuropäische Länder sind durch veränderte Klimamuster stärker gefährdet als der Norden. Extremhitze, Dürren, veränderte Landwirtschaftsbedingungen treffen Regionen, die ohnehin weniger Reserven haben.
Ein wohlhabender Haushalt in Bayern kann klimatische Risiken abfedern: durch Investitionen in Wärmedämmung, Klimaanlagen, durch den Kauf von Lebensmitteln aus unterschiedlichen Herkünften wenn regionale Ernten ausfallen. Ein Haushalt in Bulgarien mit wenig Ersparnissen hat diesen Spielraum nicht.
Klimawandel könnte bestehende Vermögensungleichheiten innerhalb der EU verschärfen — wenn nicht durch gezielte Investitionspolitik gegengesteuert wird. Der EU-Klimafonds und verwandte Instrumente sind Ansätze, aber ihr tatsächlicher Beitrag zur Resilienz der ärmsten Bevölkerungsgruppen ist bisher begrenzt.