Flucht & soziale Lage
Woher kommen Menschen auf der Flucht? Herkunftsländer im Vergleich
Rund 3,16 Millionen Schutzsuchende lebten Ende 2023 in Deutschland. Hinter dieser Zahl stehen sehr unterschiedliche Herkunftsregionen, Schutzgründe und Lebenslagen — mit direkten Folgen für Armutsrisiko und gesellschaftliche Teilhabe.
3,16 Mio.
Schutzsuchende insgesamt in Deutschland Ende 2023
30,8 %
Anteil der Ukraine an allen Schutzsuchenden — stärkste Herkunftsgruppe
711.650
Schutzsuchende aus Syrien — zweitgrößte Herkunftsgruppe insgesamt
55 %
Männeranteil bei Schutzsuchenden; in der Ukraine-Gruppe sind 61 % Frauen
Zentrale Zahlen — Stand Ende 2023
Der Gesamtbefund: Drei Millionen Menschen, viele Herkunftswege
Die Zahl der Schutzsuchenden in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 hat eine historisch einmalige Migrationsbewegung ausgelöst. Erstmals stellte ein europäisches Herkunftsland die bei weitem größte Gruppe der Schutzsuchenden.
Der Begriff "Schutzsuchende" umfasst verschiedene rechtliche Kategorien: Menschen mit laufendem Asylverfahren, anerkannte Flüchtlinge, subsidiär Schutzberechtigte und Personen mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung. Die Ukraine-Gruppe bildet insofern einen Sonderfall, als ukrainische Staatsangehörige seit März 2022 EU-weit ohne Asylantrag einen vorübergehenden Schutzstatus erhalten konnten.
Ukraine: Die größte Gruppe mit einem besonderen Profil
Ende 2023 waren 976.905 Schutzsuchende ukrainischer Staatsangehörigkeit in Deutschland registriert — ein Anteil von 30,8 Prozent an allen Schutzsuchenden. Allein im Jahr 2022 verzeichnete Deutschland 2,5 Millionen Zuzüge ausländischer Personen; mehr als die Hälfte stammte aus sonstigen europäischen Ländern, in der großen Mehrzahl aus der Ukraine.
Bemerkenswert ist die Geschlechterverteilung dieser Gruppe: Während über alle Schutzsuchenden hinweg Männer mit rund 55 Prozent leicht überwiegen, sind bei den Ukrainerinnen und Ukrainern 61 Prozent Frauen. Dies erklärt sich aus den ukrainischen Mobilisierungsregeln, die Männern im wehrfähigen Alter die Ausreise in der Regel untersagen.
Beim aufenthaltsrechtlichen Status dominiert die befristete Anerkennung: 896.520 ukrainische Schutzsuchende besaßen Ende 2023 einen befristeten Schutzstatus. Unbefristet anerkannt waren dagegen lediglich 28.530 Personen. Diese Statusstruktur spiegelt die rechtliche Konstruktion des vorübergehenden Schutzes wider — er soll flexibel bleiben, was für die Betroffenen gleichzeitig strukturelle Unsicherheit bedeutet.
Armutsrisiko ukrainischer Schutzsuchender
- Leistungsbezug
- SGB II (Bürgergeld) seit Rechtsänderung Juni 2022
- Arbeitsmarkt
- Formal offen, faktisch durch Sprachbarrieren und Kinderbetreuungsengpässe eingeschränkt
- Hauptfaktoren
- Befristeter Status, eingeschränkte Erwerbstätigkeit, hoher Anteil alleinerziehender Mütter
Syrien: Zweitgrößte Gruppe mit breiter Statusdifferenzierung
Syrien ist historisch die Herkunftsregion, die den Anstieg der Schutzsuchendenzahlen in Deutschland seit 2015 am stärksten geprägt hat. Ende 2023 lebten 711.650 syrische Staatsangehörige mit einem Schutzstatus oder laufendem Verfahren in Deutschland. Syrische Schutzsuchende weisen dabei die ausgeprägteste Statusdifferenzierung auf. 62.350 Personen besaßen Ende 2023 einen unbefristeten Schutzstatus — die größte solche Gruppe unter allen Herkunftsländern. Noch 80.885 syrische Staatsangehörige befanden sich in laufenden Verfahren. Zudem verzeichnet Deutschland 13.900 abgelehnte Anträge aus Syrien — Menschen, die häufig aus faktischen oder humanitären Gründen nicht abgeschoben werden können.
Afghanistan, Türkei, Irak und Russland
Afghanistan weist seit der Machtübernahme der Taliban 2021 erheblich gestiegene Schutzzahlen auf. Ende 2023 befanden sich 56.680 afghanische Staatsangehörige in laufenden Verfahren. Die Türkei hat mit 83.600 offenen Verfahren den höchsten Wert dieser Kategorie — überwiegend handelt es sich um politisch Verfolgte, insbesondere nach dem Putschversuch von 2016.
Der Irak verzeichnet mit 23.495 abgelehnten Anträgen die höchste Ablehnungszahl aller Herkunftsländer, gleichzeitig aber 28.065 unbefristet Anerkannte. Russland steht mit 27.420 unbefristet anerkannten Schutzpersonen an dritter Stelle dieser Kategorie — überwiegend Menschen aus dem Tschetschenienkrieg sowie einer neuen Zuzugsdynamik seit dem Angriff auf die Ukraine.
Herkunftsländer im direkten Vergleich
| Herkunftsland | Schutzstatus | Anzahl | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Ukraine | Gesamt | 976.905 | Größte Gruppe (30,8 %); 61 % Frauen |
| Ukraine | Befristete Anerkennung | 896.520 | Vorübergehender Schutz nach EU-Richtlinie |
| Ukraine | Unbefristete Anerkennung | 28.530 | Relativ gering angesichts der Gesamtgröße |
| Syrien | Gesamt | 711.650 | Zweitgrößte Gruppe; breite Statusvielfalt |
| Syrien | Offener Status (laufend) | 80.885 | Verfahren noch nicht abgeschlossen |
| Syrien | Unbefristete Anerkennung | 62.350 | Höchster Wert aller Herkunftsländer |
| Syrien | Abgelehnte Anträge | 13.900 | Oft faktisch nicht abschiebbar |
| Türkei | Offener Status (laufend) | 83.600 | Höchste Zahl offener Verfahren; pol. Verfolgung |
| Afghanistan | Offener Status (laufend) | 56.680 | Stark gestiegen nach Taliban-Machtübernahme 2021 |
| Irak | Unbefristete Anerkennung | 28.065 | Lange Aufenthaltsdauern |
| Irak | Abgelehnte Anträge | 23.495 | Höchste Ablehnungszahl aller Länder |
| Russland | Unbefristete Anerkennung | 27.420 | Tschetschenienflüchtlinge; neue Welle ab 2022 |
Armut als Querschnittsthema: Was alle Gruppen verbindet
So unterschiedlich die Herkunftskontexte auch sind — das Armutsrisiko von Schutzsuchenden in Deutschland hat strukturelle Gemeinsamkeiten. Ein zentraler Faktor ist die häufig erzwungene Passivität in der Anfangsphase des Aufenthalts: Wer nicht arbeiten darf, kann kein eigenes Einkommen erzielen. Wer von Leistungen unterhalb des Bürgergeldsatzes lebt, kann sich keine Sprachkurse leisten. Wer in einer Gemeinschaftsunterkunft lebt, findet keinen ruhigen Platz zum Lernen. Diese Verkettungen erzeugen kumulative Benachteiligung.
In Ballungsräumen, in denen Wohnraum knapp und teuer ist, haben Schutzsuchende eine schwache Marktposition. Vermieter wählen häufig Bewerber mit unbefristetem Aufenthalt und geregeltem Einkommen — beides ist bei Schutzsuchenden in der Anfangszeit strukturell selten gegeben. Kinder und Jugendliche aus Familien mit Schutzhintergrund sind besonders armutsgefährdet.
Häufige Fragen
Welches Herkunftsland stellt die meisten Schutzsuchenden in Deutschland?+
Die Ukraine ist Ende 2023 mit knapp 977.000 Personen das zahlenmäßig stärkste Herkunftsland und stellt rund 30,8 Prozent aller Schutzsuchenden in Deutschland. An zweiter Stelle folgt Syrien mit 711.650 Schutzsuchenden, eine Gruppe, die sich seit dem Bürgerkriegsbeginn 2011 schrittweise aufgebaut hat.
Was bedeutet "offener Schutzstatus" und welche Länder sind besonders betroffen?+
Ein offener Schutzstatus bedeutet, dass ein Asylantrag gestellt wurde, das Verfahren aber noch nicht abgeschlossen ist. Ende 2023 betraf dies am stärksten türkische Staatsangehörige (83.600 Fälle), gefolgt von Syrien (80.885) und Afghanistan (56.680). In dieser Phase sind Beschäftigungs- und Leistungsrechte eingeschränkt, was das Armutsrisiko deutlich erhöht.
Warum sind ukrainische Schutzsuchende überwiegend Frauen?+
Ukrainische Staatsangehörige im wehrfähigen Alter dürfen die Ukraine in der Regel nicht verlassen. Deshalb besteht die Gruppe der Schutzsuchenden aus der Ukraine in Deutschland zu 61 Prozent aus Frauen — häufig mit Kindern. Das führt zu einer anderen Problemlage: Der Bedarf an Kinderbetreuung und flexiblen Beschäftigungsangeboten ist besonders hoch.
Welches Herkunftsland hat die meisten abgelehnten Asylanträge?+
Der Irak weist mit 23.495 abgelehnten Anträgen den höchsten Wert unter allen Herkunftsländern auf, gefolgt von Syrien mit 13.900. Hinter diesen Zahlen stehen häufig Menschen, die trotz Ablehnung nicht abgeschoben werden können — aus humanitären Gründen, wegen fehlender Dokumente oder faktischer Unmöglichkeit einer Rückkehr.
Wie hängen Herkunftsland und Armutsrisiko zusammen?+
Das Armutsrisiko von Schutzsuchenden ist vor allem eine Frage des Schutzstatus und der Aufenthaltsdauer. Menschen mit unbefristetem Status haben statistisch bessere Einkommens- und Beschäftigungsperspektiven. Dennoch bleibt das Armutsrisiko quer durch alle Herkunftsgruppen deutlich erhöht — durch Sprachbarrieren, nicht anerkannte Abschlüsse und strukturelle Zugangshürden.