Woher kommen Menschen auf der Flucht?
Herkunftsländer im Vergleich

Rund 3,16 Millionen Schutzsuchende lebten Ende 2023 in Deutschland. Hinter dieser Zahl stehen sehr unterschiedliche Herkunftsregionen, Schutzgründe und Lebenslagen – mit direkten Folgen für Armutsrisiko und gesellschaftliche Teilhabe.

Stand: Ende 2023 — Datengrundlage: Statistisches Bundesamt, Sozialbericht 2024

Zentrale Zahlen im Überblick

3,16 Mio.
Schutzsuchende insgesamt in Deutschland Ende 2023
30,8 %
Anteil der Ukraine an allen Schutzsuchenden — stärkste Herkunftsgruppe
711.650
Schutzsuchende aus Syrien — zweitgrößte Herkunftsgruppe insgesamt
55 %
Männeranteil bei Schutzsuchenden; in der Ukraine-Gruppe sind 61 % Frauen

Der Gesamtbefund: Drei Millionen Menschen, viele Herkunftswege

Kurzantwort Ende 2023 lebten rund 3,16 Millionen Schutzsuchende in Deutschland. Die drei größten Herkunftsgruppen sind die Ukraine, Syrien und Afghanistan. Schutzstatus, Geschlechterverteilung und Armutsrisiken unterscheiden sich je nach Herkunftsland erheblich.

Die Zahl der Schutzsuchenden in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Lagen die Zahlen Mitte der 2010er Jahre vor allem durch den syrischen Bürgerkrieg und Zuzüge aus Afghanistan auf einem hohen Niveau, hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 eine neue, historisch einmalige Migrationsbewegung ausgelöst. Innerhalb weniger Monate verlagerte sich die Zusammensetzung der Schutzsuchenden in Deutschland deutlich: Erstmals stellte ein europäisches Herkunftsland die bei weitem größte Gruppe.

Der Begriff „Schutzsuchende" umfasst dabei verschiedene rechtliche Kategorien: Menschen mit laufendem Asylverfahren, anerkannte Flüchtlinge, subsidiär Schutzberechtigte und Personen mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung. Die Ukraine-Gruppe bildet insofern einen Sonderfall, als ukrainische Staatsangehörige seit März 2022 EU-weit ohne Asylantrag einen vorübergehenden Schutzstatus erhalten konnten, was die Zahlen und die Verfahrenslogik beeinflusst.

Für eine vollständige gesellschaftliche Einordnung ist nicht nur die Größe einer Herkunftsgruppe relevant, sondern vor allem die Frage, welchen aufenthaltsrechtlichen Status die Menschen besitzen, wie lange sie bereits in Deutschland sind, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen sie leben und welche strukturellen Hürden den Übergang in dauerhafte Stabilität erschweren. All diese Dimensionen sind eng mit dem Armutsrisiko verknüpft.

Ukraine: Die größte Gruppe mit einem besonderen Profil

Kurzantwort Mit knapp 977.000 Schutzsuchenden stellt die Ukraine fast ein Drittel aller in Deutschland registrierten Schutzpersonen. Die Gruppe ist überdurchschnittlich weiblich, relativ gut ausgebildet und überwiegend mit befristetem Schutzstatus ausgestattet – die Unsicherheit über Dauer und Perspektive bleibt dennoch erheblich.

Ende 2023 waren 976.905 Schutzsuchende ukrainischer Staatsangehörigkeit in Deutschland registriert. Das entspricht einem Anteil von 30,8 Prozent an allen Schutzsuchenden – ein historisch beispielloser Wert für eine einzelne Herkunftsnation. Allein im Jahr 2022 verzeichnete Deutschland 2,5 Millionen Zuzüge ausländischer Personen; mehr als die Hälfte davon stammte aus sonstigen europäischen Ländern, in der großen Mehrzahl aus der Ukraine.

Bemerkenswert ist die Geschlechterverteilung dieser Gruppe: Während über alle Schutzsuchenden hinweg Männer mit rund 55 Prozent leicht überwiegen, sind bei den Ukrainerinnen und Ukrainern 61 Prozent Frauen. Dies erklärt sich unmittelbar aus den ukrainischen Mobilisierungsregeln, die Männern im wehrfähigen Alter in der Regel die Ausreise untersagt. Die Gruppe der ukrainischen Schutzsuchenden ist daher in Deutschland überwiegend weiblich, jünger und vielfach mit Kindern eingereist.

Beim aufenthaltsrechtlichen Status dominiert die befristete Anerkennung: 896.520 ukrainische Schutzsuchende besaßen Ende 2023 einen befristeten Schutzstatus. Unbefristet anerkannt waren dagegen lediglich 28.530 Personen aus der Ukraine. Diese Statusstruktur spiegelt die rechtliche Konstruktion des vorübergehenden Schutzes wider – er soll flexibel bleiben, was für die Betroffenen gleichzeitig strukturelle Unsicherheit bedeutet: Wohnungssuche, Arbeitsmarktzugang und langfristige Lebensplanung bleiben erschwert, solange unklar ist, ob der Schutzstatus verlängert wird.

Zum Armutsrisiko: Ukrainische Schutzsuchende erhalten in Deutschland Leistungen nach dem SGB II (Bürgergeld), seit der Rechtsänderung im Juni 2022. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist formal offen, faktisch aber durch Sprachbarrieren, Kinderbetreuungsengpässe und fehlende Anerkennung von Berufsqualifikationen eingeschränkt. Das statistisch erhöhte Armutsrisiko dieser Gruppe folgt aus der Kombination von befristetem Status, eingeschränkter Erwerbstätigkeit und hohem Anteil alleinerziehender Mütter.

Syrien: Zweitgrößte Gruppe mit breiter Statusdifferenzierung

Kurzantwort 711.650 syrische Staatsangehörige gelten als Schutzsuchende in Deutschland. Die Gruppe weist die vielfältigste Statusstruktur auf: laufende Verfahren, befristete und unbefristete Anerkennung sowie ein relevanter Anteil abgelehnter Anträge koexistieren nebeneinander.

Syrien ist historisch die Herkunftsregion, die den Anstieg der Schutzsuchendenzahlen in Deutschland seit 2015 am stärksten geprägt hat. Ende 2023 lebten 711.650 syrische Staatsangehörige mit einem Schutzstatus oder laufendem Verfahren in Deutschland. Diese Zahl ist das Ergebnis eines über fast zehn Jahre andauernden Zuzugs, verbunden mit einem überwiegend hohen Schutzbedarf aufgrund des anhaltenden Bürgerkriegs.

Syrische Schutzsuchende weisen die ausgeprägteste Differenzierung innerhalb eines Herkunftslandes auf. Einerseits gibt es eine große Gruppe mit unbefristeter Anerkennung: 62.350 Personen aus Syrien besaßen Ende 2023 einen unbefristeten Schutzstatus – die größte solche Gruppe unter allen Herkunftsländern. Das ist ein Hinweis auf die langen Aufenthaltsdauern vieler Syrerinnen und Syrer in Deutschland. Andererseits befanden sich noch 80.885 syrische Staatsangehörige in laufenden Verfahren mit offenem Schutzstatus – verfahrensrechtlich noch nicht entschieden, aber gleichzeitig auf Jahre in Deutschland lebend.

Zugleich verzeichnet Deutschland bei syrischen Staatsangehörigen 13.900 abgelehnte Anträge. Hinter dieser Zahl stehen Menschen, deren Schutzbegehren rechtlich nicht anerkannt wurde, die aber häufig aus faktischen oder humanitären Gründen nicht abgeschoben werden können. Sie leben in einer besonders prekären Rechtslage: ohne gesicherten Status, ohne langfristige Perspektive, oft mit eingeschränktem Arbeitsmarktzugang und erhöhtem Armutsrisiko.

Die Geschlechterverteilung unter syrischen Schutzsuchenden nähert sich dem Gesamtdurchschnitt an: Es überwiegen Männer, allerdings mit einem wachsenden Anteil an Familienzusammenführungen, die den Frauenanteil in den vergangenen Jahren schrittweise erhöht haben. Kinder und Jugendliche machen einen bedeutenden Teil der Gruppe aus – mit direkten Folgen für die schulische Integration und langfristige Teilhabechancen.

Afghanistan und Türkei: Zwei sehr unterschiedliche Ausgangssituationen

Kurzantwort Afghanistan und die Türkei stehen jeweils für unterschiedliche Fluchtkontexte: Afghanistan für akute, gewaltbedingte Verfolgung mit überwiegend positivem Ausgang bei Verfahren; die Türkei für politisch Verfolgte, deren Verfahren oft langwierig sind. Beide Gruppen weisen hohe Zahlen offener Schutzstatus auf.

Afghanistan ist nach Syrien das Herkunftsland mit den historisch konsequentesten Schutzbegründungen. Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 sind die Schutzquoten für afghani­sche Staatsangehörige in Deutschland erheblich gestiegen. Ende 2023 befanden sich 56.680 afghani­sche Staatsangehörige in laufenden Verfahren mit noch offenem Schutzstatus. Die verhältnismäßig hohe Zahl laufender Verfahren erklärt sich durch den anhaltend hohen Zuzug nach 2021 und die Kapazitäten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die in bestimmten Phasen nicht mit dem Antragsstrom Schritt halten konnten.

Für die Türkei ergibt sich ein anderes Bild: 83.600 türkische Staatsangehörige besaßen Ende 2023 einen offenen Schutzstatus, also den höchsten Wert dieser Kategorie unter allen Herkunftsländern. Ein erheblicher Teil betrifft politisch Verfolgte, insbesondere nach dem Putschversuch von 2016 und den damit verbundenen Repressions­wellen gegen Angehörige der Gülen-Bewegung, kurdischer politischer Organisationen sowie zivilgesellschaftlicher und journalistischer Gruppen. Die Verfahren sind oft komplex, weil die Einschätzung des politischen Verfolgungsrisikos juristische Detailkenntnis erfordert und häufig strittig ist.

Irak und Russland: Unbefristet anerkannt, aber weiterhin benachteiligt

Kurzantwort Irak und Russland weisen bemerkenswert hohe Zahlen unbefristet anerkannter Schutzpersonen auf. Gleichzeitig gibt es beim Irak eine der höchsten Zahlen abgelehnter Anträge. Der langfristige Aufenthalt schützt nicht automatisch vor sozialem Absturz oder Armutsrisiko.

Der Irak gehört zu jenen Herkunftsländern, aus denen Menschen in Deutschland bereits seit vielen Jahren Schutz suchen. 28.065 irakische Staatsangehörige besaßen Ende 2023 einen unbefristeten Schutzstatus – ein hoher Wert, der auf lange Aufenthaltsdauern und häufig rechtlich gefestigte Positionen hinweist. Gleichzeitig weist der Irak mit 23.495 abgelehnten Anträgen die höchste Zahl unter allen Herkunftsländern auf. Das verweist auf eine strukturelle Spannung: Das irakische Herkunftsland ist in der deutschen Asylpraxis vielschichtig einzuschätzen – regionale Unterschiede innerhalb des Irak, ethnische Zugehörigkeit und die jeweilige Situation in Kurdi­stan oder im südlichen Irak spielen für die Einzelfallentscheidung eine große Rolle.

Russland steht mit 27.420 unbefristet anerkannten Schutzpersonen an dritter Stelle dieser Kategorie. Dabei handelt es sich überwiegend um Menschen, die seit dem Tschetschenienkrieg oder den Verfolgungswellen unter Putin in Deutschland Schutz erhalten haben und deren Aufenthaltsposition sich über Jahre gefestigt hat. Nach dem Angriff auf die Ukraine ist zudem eine neue Zuzugsdynamik russischer Oppositioneller und Kriegsdienstverweigerer entstanden, deren Verfahren sich noch in unterschiedlichen Stadien befinden.

Historische Einordnung: Ein wiederkehrendes Muster

Der aktuelle Befund reiht sich in ein historisches Muster ein. Bereits Ende der 1980er Jahre verzeichnete Deutschland starke Zuzüge aus Ost- und Südosteuropa – Menschen, die im Zuge des Endes des Kalten Krieges und politischer Instabilitäten Schutz suchten. Anfang der 1990er Jahre dominierten dann Kriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien die Statistik. Diese historische Perspektive macht deutlich: Schutzsuchende in Deutschland kamen stets aus den jeweils krisenbelastetsten Regionen der Welt – und die Herkunftsstruktur spiegelt immer auch das geopolitische Geschehen ihrer Zeit wider.

Was sich von Dekade zu Dekade unterscheidet, sind die rechtlichen Rahmenbedingungen, die gesellschaftliche Aufnahmefähigkeit und die infrastrukturellen Voraussetzungen für Integration. Die heutigen Debatten über Wohnraum, Sprachkurse, Kinderbetreuung und Arbeitsmarktintegration haben Vorläufer in den 1990er Jahren – mit dem Unterschied, dass die Größenordnungen und die Komplexität der Herkunftssituationen heute beide zugenommen haben.

Geschlecht, Alter und soziale Lage im Vergleich

Kurzantwort Schutzsuchende sind zu 55 Prozent männlich – außer bei der Ukraine-Gruppe. Junge Männer zwischen 20 und 40 Jahren sind besonders stark vertreten. Dieses Muster beeinflusst Armutsrisiko, Wohnraumversorgung und gesellschaftliche Integration in unterschiedliche Richtungen.

Über alle Herkunftsländer hinweg sind Schutzsuchende in Deutschland zu 55 Prozent männlich. Besonders deutlich ist die Überrepräsentation von Männern in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren. Diese Gruppe ist aus mehreren Gründen eine besondere Herausforderung für Integrationspolitik und Armutsbekämpfung: Einerseits verfügen junge Männer über Arbeits­kapazität und können bei geeigneten Rahmenbedingungen schnell in den Arbeitsmarkt eintreten. Andererseits sind sie häufig ohne familiäre Begleitpersonen, haben in Gemeinschaftsunterkünften zu leben und sind stärker von psychosozialen Belastungen durch Flucht und Trauma betroffen.

Die Ukraine-Ausnahme mit 61 Prozent Frauenanteil erzeugt umgekehrt andere Problemlagen: Alleinerziehende Mütter mit Kindern sind in besonderem Maß auf Kitaplätze, schulische Betreuung und flexible Beschäftigungsangebote angewiesen. Fehlen diese Strukturen, vertieft sich das Armutsrisiko, auch wenn formal ein Beschäftigungsanspruch besteht. Kinderarmut ist eine direkte Folge dieser strukturellen Lücken.

Für Syrien, Afghanistan und den Irak gilt: Die Altersstruktur ist insgesamt jung, der Anteil von Kindern und Jugendlichen überdurchschnittlich hoch. Das hat bildungspolitische Implikationen – und es bedeutet, dass heutige Integrationserfolge oder -misserfolge langfristig die Armuts- und Teilhabestatistik der kommenden Jahrzehnte beeinflussen werden.

Schutzstatus und seine Bedeutung für wirtschaftliche Teilhabe

Kurzantwort Der Schutzstatus entscheidet maßgeblich darüber, ob Menschen arbeiten, Sozialleistungen beziehen oder umziehen dürfen. Die Bandbreite reicht von vollständiger Arbeitserlaubnis bis zu faktischen Sperren – mit direkten Folgen für Einkommenshöhe und Armutsrisiko.

Ob und wie Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten können, hängt in Deutschland stark vom Aufenthalts- und Schutzstatus ab. Wer einen unbefristeten Schutzstatus oder eine Niederlassungserlaubnis besitzt, hat uneingeschränkten Zugang zu Beschäftigung und kann am Normalarbeitsmarkt teilnehmen. Wer einen befristeten Status hat – wie die meisten ukrainischen Schutzpersonen –, darf ebenfalls arbeiten, steht aber vor praktischen Hürden: befristete Arbeitsverträge werden von Arbeitgebern seltener angeboten, Banken vergeben seltener Kredite, Vermieter fordern häufig unbefristete Aufenthaltstitel.

Für Menschen mit laufendem Verfahren gelten in den ersten Monaten Beschäftigungsverbote oder -einschränkungen. In dieser Zeit sind sie auf Asylbewerberleistungen angewiesen, die unterhalb des Bürgergeld-Niveaus liegen und den soziokulturellen Mindestbedarf kaum decken. Wer einen abgelehnten Antrag hat und sich mit einer Duldung in Deutschland aufhält, lebt in besonders schwieriger Rechtslage: Beschäftigungsverbote können verhängt werden, Grundsicherungsleistungen werden oft nur eingeschränkt gewährt, und eine stabile Wohnraumversorgung ist strukturell erschwert.

Diese Statusdifferenzierung erklärt, warum Schutzsuchende als Gruppe ein statistisch erhöhtes Armutsrisiko aufweisen – aber warum dieses Risiko je nach Herkunftsland und Statusgruppe sehr unterschiedlich verteilt ist. Eine pauschale Betrachtung verdeckt die tatsächlichen Unterschiede ebenso wie die politischen Stellschrauben, die Armut in dieser Bevölkerungsgruppe beeinflussen.

SGB-II-Bezug und Wege aus dem Leistungsbezug

Der Bezug von Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch – also Bürgergeld – ist für viele Schutzsuchende keine kurzfristige Notlösung, sondern eine über Monate oder Jahre andauernde Realität. Die Ursachen sind strukturell: fehlende Sprachkenntnisse verzögern den Berufseinstieg, nicht anerkannte ausländische Abschlüsse erfordern kostspielige Nachqualifizierungen, und in Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt scheitern viele trotz Beschäftigung daran, Wohnraum zu finden und damit aus der staatlichen Unterkunft zu wechseln.

Der Weg aus dem Leistungsbezug hängt nicht nur von individuellem Einsatz ab, sondern von gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Kitaplätzen, kommunalen Beratungsangeboten, Sprachkurskapazitäten und der Bereitschaft von Arbeitgebern, Schutzsuchende einzustellen. Wo diese Strukturen fehlen, verfestigt sich Armut – unabhängig davon, ob jemand aus Mariupol, Aleppo oder Kabul stammt. Bürgergeld und Schutzsuchende – dieser Zusammenhang bleibt ein zentrales Thema der deutschen Sozialpolitik.

Herkunftsländer im direkten Vergleich

Kurzantwort Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Herkunftsländer nach Schutzstatus und Fallzahl. Die Daten beziehen sich auf Ende 2023.
Herkunftsland Schutzstatus Anzahl Besonderheiten
Ukraine Gesamt 976.905 Größte Gruppe (30,8 %); 61 % Frauen
Ukraine Befristete Anerkennung 896.520 Vorübergehender Schutz nach EU-Richtlinie
Ukraine Unbefristete Anerkennung 28.530 Relativ gering angesichts der Gesamtgröße
Syrien Gesamt 711.650 Zweitgrößte Gruppe; breite Statusvielfalt
Syrien Offener Status (laufend) 80.885 Verfahren noch nicht abgeschlossen
Syrien Unbefristete Anerkennung 62.350 Höchster Wert aller Herkunftsländer in dieser Kategorie
Syrien Abgelehnte Anträge 13.900 Oft faktisch nicht abschiebbar
Türkei Offener Status (laufend) 83.600 Höchste Zahl offener Verfahren; überwiegend pol. Verfolgung
Afghanistan Offener Status (laufend) 56.680 Stark gestiegen nach Taliban-Machtübernahme 2021
Irak Unbefristete Anerkennung 28.065 Lange Aufenthaltsdauern; viele Statusfestigungen
Irak Abgelehnte Anträge 23.495 Höchste Ablehnungszahl aller Herkunftsländer
Russland Unbefristete Anerkennung 27.420 Vor allem Tschetschenienflüchtlinge; neue Welle ab 2022

Die Tabelle verdeutlicht: Es gibt keine einheitliche „Schutzsuchenden-Gruppe" in Deutschland. Hinter der Gesamtzahl von 3,16 Millionen verbergen sich sehr verschiedene Schicksale, Rechtspositionen und Lebenslagen – verbunden durch das gemeinsame Merkmal eines erhöhten Armutsrisikos gegenüber der Gesamtbevölkerung.

Armut als Querschnittsthema: Was alle Gruppen verbindet

Kurzantwort Trotz aller Unterschiede zwischen den Herkunftsgruppen teilen Schutzsuchende strukturell ähnliche Armutsrisiken: eingeschränkter Arbeitsmarktzugang, schwierige Wohnraumversorgung, Abhängigkeit von Sozialleistungen und gesellschaftliche Teilhabedefizite.

So unterschiedlich die Herkunftskontexte auch sind – ob Kriegsgebiet, politische Verfolgung oder anhaltende humanitäre Krise –, das Armutsrisiko von Schutzsuchenden in Deutschland hat strukturelle Gemeinsamkeiten. Ein zentraler Faktor ist die häufig erzwungene Passivität in der Anfangsphase des Aufenthalts: Wer nicht arbeiten darf, kann kein eigenes Einkommen erzielen. Wer von Leistungen unterhalb des Bürgergeldsatzes lebt, kann sich keine Sprachkurse aus eigener Tasche leisten. Wer in einer Gemeinschaftsunterkunft lebt, findet keinen ruhigen Platz zum Lernen. Diese Verkettungen erzeugen kumulative Benachteiligung.

Ein weiterer Faktor ist der Wohnungsmarkt. In Ballungsräumen, in denen Wohnraum knapp und teuer ist, haben Schutzsuchende eine schwache Marktposition. Vermieter wählen häufig Bewerber mit unbefristetem Aufenthalt und geregeltem Einkommen – beides ist bei Schutzsuchenden in der Anfangszeit strukturell selten gegeben. Daraus folgt eine Obdachlosigkeits- und Wohnraumnotlage, die auch nach Jahren in Deutschland persistieren kann.

Kinder und Jugendliche aus Familien mit Schutzhintergrund sind besonders armutsgefährdet. Sie wachsen häufig in beengten Wohnverhältnissen auf, besuchen Schulen mit hohem Förderungsbedarf und haben selteneren Zugang zu außerschulischen Bildungsangeboten. Die Folgen sind nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich: Wenn Integration gelingt, sinkt das Armutsrisiko der nächsten Generation. Wenn sie scheitert, entstehen langfristige Kosten für Sozialsysteme und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Häufige Fragen zu Schutzsuchenden nach Herkunftsland

Welches Herkunftsland stellt die meisten Schutzsuchenden in Deutschland?

Die Ukraine ist Ende 2023 mit knapp 977.000 Personen das zahlenmäßig stärkste Herkunftsland und stellt rund 30,8 Prozent aller Schutzsuchenden in Deutschland. Ursache ist der russische Angriffskrieg, der ab Februar 2022 zu einer massiven Fluchtbewegung nach Mittel- und Westeuropa führte. An zweiter Stelle folgt Syrien mit 711.650 Schutzsuchenden, eine Gruppe, die sich seit dem Bürgerkriegsbeginn 2011 schrittweise aufgebaut hat.

Was bedeutet „offener Schutzstatus" und welche Länder sind besonders betroffen?

Ein offener Schutzstatus bedeutet, dass ein Asylantrag gestellt wurde, das Verfahren aber noch nicht abgeschlossen ist. Die Betroffenen besitzen damit weder eine Anerkennung noch eine Ablehnung. Ende 2023 betraf dies am stärksten türkische Staatsangehörige (83.600 Fälle), gefolgt von Syrien (80.885) und Afghanistan (56.680). In dieser Phase sind Beschäftigungs- und Leistungsrechte eingeschränkt, was das Armutsrisiko deutlich erhöht.

Warum sind ukrainische Schutzsuchende überwiegend Frauen?

Ukrainische Staatsangehörige im wehrfähigen Alter dürfen die Ukraine in der Regel nicht verlassen. Deshalb besteht die Gruppe der Schutzsuchenden aus der Ukraine in Deutschland zu 61 Prozent aus Frauen – häufig mit Kindern. Das führt zu einer anderen Problemlage als bei anderen Herkunftsgruppen: Der Bedarf an Kinderbetreuung, schulischer Integration und flexiblen Teilzeitangeboten ist besonders hoch, und die Zahl alleinerziehender Mütter in unsicherer Beschäftigung ist überdurchschnittlich groß.

Welches Herkunftsland hat die meisten abgelehnten Asylanträge?

Der Irak weist mit 23.495 abgelehnten Anträgen den höchsten Wert unter allen Herkunftsländern auf, gefolgt von Syrien mit 13.900. Hinter diesen Zahlen stehen häufig Menschen, die trotz Ablehnung nicht abgeschoben werden können – aufgrund humanitärer Lage, fehlender Dokumente oder faktischer Unmöglichkeit einer Rückkehr. Sie leben oft mit einer Duldung unter besonders eingeschränkten rechtlichen Bedingungen.

Wie hängen Herkunftsland und Armutsrisiko zusammen?

Das Armutsrisiko von Schutzsuchenden ist nicht allein eine Frage der Herkunft, sondern vor allem eine des Schutzstatus und der Aufenthaltsdauer. Menschen mit unbefristetem Status und langer Verweildauer in Deutschland haben statistisch bessere Einkommens- und Beschäftigungsperspektiven als Personen in laufenden Verfahren. Dennoch bleibt das Armutsrisiko quer durch alle Herkunftsgruppen deutlich erhöht – durch Sprachbarrieren, nicht anerkannte Abschlüsse, angespannten Wohnungsmarkt und strukturelle Zugangshürden zum Arbeitsmarkt.