Lernen hoert nicht mit dem Schulabschluss auf — und das ist gut so. In einer Arbeitswelt, die sich durch Digitalisierung, strukturellen Wandel und sich veraendernde Berufsanforderungen schnell veraendert, ist lebenslanges Lernen keine Kuerformel mehr, sondern eine Notwendigkeit. Nonformale Weiterbildung — Kurse, Workshops, Seminare ausserhalb des formalen Schulsystems — ist dabei ein zentrales Instrument. Doch wer an ihr teilnimmt und wer nicht, folgt einem klaren sozialen Muster: Das Bildungssystem reproduziert seine eigenen Ungleichheiten im Erwachsenenalter.
Die Jahre 2020 und 2021 waren fuer die Weiterbildungslandschaft ein Einschnitt. Die Corona-Pandemie legte Praesenzveranstaltungen lahm, Kurse wurden abgesagt, Bildungseinrichtungen schlossen. Die Teilnahmequoten brachen ein. Gleichzeitig offenbarte die Pandemie, wie ungleich der Zugang zu Weiterbildung verteilt ist — und wie fragil ein Weiterbildungssystem ist, das auf physische Praesenz aufgebaut ist.
Was ist nonformales Lernen?
Das nonformale Lernen unterscheidet sich von formaer Bildung (Schule, Ausbildung, Studium) durch seine Freiwilligkeit, seine Kuerze und seine Flexibilitaet. Es unterscheidet sich vom informellen Lernen (das beilaeufig im Alltag stattfindet) durch seine Organisiertheit: Es gibt einen Kurs, einen Lehrplan, eine Einrichtung. Nonformales Lernen umfasst ein breites Spektrum — von der Sprache im Abendkurs ueber Computerkenntnisse bis zu beruflichen Zertifikatskursen und gesundheitlichen Praeventionsteilnahmen.
In Deutschland ist die Volkshochschule (VHS) die institutionelle Haupttraegerin des nonformalen Lernens fuer Erwachsene. Daneben gibt es betriebliche Weiterbildung, Angebote von Gewerkschaften, Verbandsschulen und eine wachsende Landschaft digitaler Plattformen. Die Vielfalt ist gross — aber der Zugang ist ungleich.
Corona und Einbruch 2020/2021
Die Pandemie hat das Weiterbildungssystem mit einer Krise konfrontiert, auf die es nicht vorbereitet war. Die meisten nonformalen Lernangebote in Deutschland waren auf Praesenz ausgelegt — ein Kursraum, eine Gruppe, ein Dozent. Als Kontaktbeschraenkungen in Kraft traten, fielen diese Angebote ersatzlos weg. Betriebe reduzierten ihre Weiterbildungsbudgets, Volkshochschulen konnten nur noch ein Bruchteil ihres Programms anbieten, Teilnehmerinnen und Teilnehmer blieben zuhause.
Die Zahlen, die aus dem Berichtszeitraum 2020/2021 vorliegen, zeigen einen klaren Einbruch bei den Teilnahmequoten. Wer zuvor regelmaessig an Kursen teilgenommen hatte, war auf Alternativen angewiesen — und fand sie zum Teil in digitalen Formaten. Wer ohnehin selten an Weiterbildung teilgenommen hatte, zog sich noch weiter zurueck. Die Pandemie hat die bestehenden Ungleichheiten nicht erzeugt, aber deutlich verstaerkt.
Digitale Kurse als Notloesung
Der Einbruch bei Praesenzveranstaltungen wurde in Teilen durch digitale Formate aufgefangen. Online-Kurse auf Plattformen wie Coursera, LinkedIn Learning oder den digitalen VHS-Angeboten verzeichneten Zuwachse. Fuer Beschaeftigte, die bereits digital gut ausgestattet waren und die Kompetenz hatten, Online-Kurse zu nutzen, war das eine echte Alternative. Fuer Personengruppen mit schlechterem Digitalzugang — aeltere Arbeitssuchende, Menschen ohne stabiles Internetangebot, Menschen mit geringen digitalen Kompetenzen — war der Umstieg auf Online-Formate eine Huerde, nicht eine Chance.
Wer nimmt teil — und wer nicht?
Die Teilnahme an nonformaler Weiterbildung folgt einem klaren sozialen Gradienten. Vollzeitbeschaeftigte in qualifizierten Positionen nehmen zu rund 65 Prozent an irgendeiner Form von nonformaer Weiterbildung teil — beruflich initiiert, betrieblich finanziert, mit Freistellung waehrend der Arbeitszeit. Teilzeitbeschaeftigte liegen bei etwa 50 Prozent. Arbeitssuchende — also aktiv nach Arbeit suchende Personen — bei rund 25 Prozent. Und Langzeitarbeitslose, die seit mindestens einem Jahr ohne Beschaeftigung sind, bei geschaetzten 15 Prozent.
Diese Zahlen sind nicht zufaellig. Sie spiegeln strukturelle Faktoren wider: Betriebliche Weiterbildung — die groesstePart der nonformalen Weiterbildung — ist nur fuer Beschaeftigte zugaenglich. Wer keinen Arbeitgeber hat, ist auf eigenfinanzierte oder staatlich gefoerderte Angebote angewiesen. Die staatliche Foerderung durch die Bundesagentur fuer Arbeit konzentriert sich auf formale Qualifizierung — nonformales Lernen wird weniger stark unterstuetzt.
Weiterbildungsteilnahme nach Erwerbsstatus
- Vollzeit beschaeftigt
- ca. 65 % — hohe betriebliche Weiterbildung, Freistellungen, Kurskosten oft erstattet
- Teilzeit beschaeftigt
- ca. 50 % — weniger betriebliche Angebote, haeufiger eigene Initiative
- Arbeitssuchend
- ca. 25 % — BA-Foerderung moeglich, aber Zugang zu nonformaen Angeboten limitiert
- Langzeitarbeitslos
- ca. 15 % — geringste Teilnahme trotz groesstem Qualifizierungsbedarf
Matthew-Effekt in der Weiterbildung
Der Begriff "Matthew-Effekt" geht auf einen Satz im Matthaeus-Evangelium zurueck und beschreibt in der Sozialwissenschaft das Phaenomen, dass Vorteile sich kumulieren: Wer hat, dem wird gegeben. Im Bildungsbereich bedeutet das: Menschen mit hoeheren Abschluessen nehmen haeufiger an Weiterbildung teil, werden haeufiger von Arbeitgebern zu Kursen entsandt und haben haeufiger die Ressourcen — Zeit, Geld, Motivation — um eigeninitiativ zu lernen.
Wer dagegen geringe formale Bildung hat, nimmt seltener an nonformaler Weiterbildung teil. Das kann verschiedene Gruende haben: vergangene negative Erfahrungen mit dem Bildungssystem, das Gefuehl, "nicht der Typ fuer Kurse" zu sein, mangelnde Information ueber vorhandene Angebote, finanzielle Huirden oder einfach Unsicherheit darueber, wie und wo man anfangen soll. Das Ergebnis: Die Bildungsschere oeffnet sich im Lebenslauf immer weiter, weil Weiterbildung denjenigen zugute kommt, die schon gefoerdert wurden.
VHS als Bildungsinfrastruktur
Deutschland hat mit den Volkshochschulen ein flaechendeckendes Netz oeffentlicher Weiterbildungseinrichtungen, das es so in vielen anderen Laendern nicht gibt. VHS-Kurse sind guenstiger als private Anbieter, sind kommunal verwurzelt und haben Erfahrung mit heterogenen Zielgruppen. Sprachkurse fuer Migrantinnen und Migranten, Grundbildungsprogramme fuer gering alphabetisierte Erwachsene, berufliche Orientierungskurse — die VHS ist oft die einzige Einrichtung, die solche Angebote macht.
Die Schwaeche des VHS-Systems liegt in seiner chronischen Unterfinanzierung. Viele VHS arbeiten mit einem hohen Anteil an Honorarkraeften ohne festes Anstellungsverhaeltnis. Wenn die Teilnehmerzahlen einbrechen — wie in der Pandemie — haben sie kaum Ruecklagen und muessen Angebote drastisch reduzieren. Das trifft genau jene, die keine privaten Alternativen haben: arme Erwachsene, Langzeitarbeitslose, Menschen mit geringen digitalen Kompetenzen.
Digitale Formate: Chance oder Barriere?
Die Pandemie hat die Digitalisierung der Weiterbildung erheblich beschleunigt. Online-Kurse, Webinare und hybride Formate sind heute selbstverstaendlicher Teil des Angebots. Das bietet Vorteile: mehr Flexibilitaet bei Zeitplanung und Ort, keine Fahrtkosten, haeufig guenstigere Preise. Fuer Beschaeftigte, die bereits mit digitalen Tools vertraut sind, ist das eine echte Verbesserung des Angebots.
Fuer einen anderen Teil der Bevoelkerung sind digitale Kursformate jedoch eine zusaetzliche Barriere. Wer kein stabiles Breitbandinternet hat, wer kein geeignetes Endgeraet besitzt oder wer nicht vertraut mit digitalen Plattformen ist, kann Online-Kurse nicht sinnvoll nutzen. Aeltere Langzeitarbeitslose, Menschen in laendlichen Regionen mit schlechter Internetversorgung und Menschen mit geringen Grundkompetenzen — sie alle sind von den Vorteilen digitaler Weiterbildung abgeschnitten, waehrend gleichzeitig Praesenzangebote knapper werden. Digitale Teilhabe und Weiterbildungsteilhabe haengen damit immer staerker zusammen.
Was arme Erwachsene brauchen
Wer arm ist und gleichzeitig schlecht qualifiziert, braucht Weiterbildungsangebote, die mit seiner Lebenssituation kompatibel sind. Das bedeutet: guenstige oder kostenfreie Angebote, flexible Zeiten (Kursangebote auch abends und am Wochenende), Kinderbetreuung waehrend des Kurses, keine langen Anfahrtswege und eine Ansprache, die nicht voraussetzt, dass die Person die Bildungswelt bereits kennt. Viele dieser Anforderungen klingen banal — aber sie werden vom bestehenden Weiterbildungssystem systematisch vernachlaessigt.
Die Bundesagentur fuer Arbeit foerdert berufliche Qualifizierung — aber vor allem formale Ausbildungen und anerkannte Abschluesse. Nonformales Lernen, das Grundkompetenzen staerkt und Motivation aufbaut, ohne direkt einen Abschluss zu produzieren, faellt haeufig durch das Foerdernetz. Dabei waere es gerade fuer Langzeitarbeitslose ein wichtiger erster Schritt: nicht gleich eine zweijahrige Umschulung, sondern ein Einstiegskurs, der Vertrauen in die eigene Lernfaehigkeit aufbaut und Anschlussmoeglichkeiten eroffnet.
Paradox der Weiterbildung: Diejenigen, die Weiterbildung am dringendsten braeuchten, nehmen am wenigsten daran teil. Langzeitarbeitslose, gering qualifizierte Erwachsene, Menschen in Altersarmut — fuer sie sind die Huirden am groessten und die Angebote am wenigsten zugaenglich. Ohne gezielte Massnahmen verstaerkt das Weiterbildungssystem die soziale Ungleichheit, die es eigentlich mildern sollte.