Das Lehramtsstudium ist einer der anspruchsvollsten und längsten Ausbildungswege in Deutschland — und gleichzeitig mündet er in einen Beruf, dessen gesellschaftliche Wertschätzung und Bezahlung nicht immer dem Aufwand entsprechen. Rund 30.000 bis 35.000 Menschen schließen jährlich ihr Erstes Staatsexamen oder den Bachelor of Education ab. Das klingt nach einer stattlichen Zahl — reicht aber nicht aus. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wächst, und die sozialen Folgen treffen vor allem jene Schulen, die ohnehin schon am meisten Unterstützung brauchen.
Wie viele Lehramtsabsolventen gibt es jährlich?
Die Ausbildung von Lehrkräften in Deutschland ist durch Föderalismus geprägt: Jedes Bundesland regelt die Strukturen, Prüfungsanforderungen und Kapazitäten selbst. Das führt zu erheblicher Vielfalt und erschwert bundesweite Vergleiche. Grundsätzlich besteht die Ausbildung aus zwei Phasen: dem Studium (das mit dem Ersten Staatsexamen oder dem Master of Education abschließt) und dem Referendariat, das nach bestandenem Zweitem Staatsexamen in den Schuldienst führt.
Die Abschlusszahlen variieren von Jahr zu Jahr und zwischen den Bundesländern erheblich. Insgesamt liegt die jährliche Absolventenzahl in einer Größenordnung, die zwar den natürlichen Abgang durch Ruhestand teilweise kompensiert, aber weder den erhöhten Bedarf durch wachsende Schülerzahlen noch die bevorstehende Pensionierungswelle auffangen kann.
Warum reicht die Zahl nicht aus?
Das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hat strukturelle Ursachen. In den 1990er und frühen 2000er Jahren prognostizierten Bildungsplaner sinkende Schülerzahlen — und reduzierten die Studienkapazitäten entsprechend. Diese Prognosen erwiesen sich als falsch: Zuwanderung, veränderte Geburtenziffern und der Ausbau ganztägiger Schulen trieben den Bedarf stärker, als erwartet.
Gleichzeitig wächst der qualitative Anspruch an Lehrkräfte: Inklusion erfordert sonderpädagogisches Wissen, Sprachförderung braucht Fachkräfte, und der Umgang mit psychisch belasteten Schülern fordert zusätzliche Kompetenzen. Mehr Aufgaben bei gleichbleibender oder sogar sinkender Personalversorgung — das ist die Gleichung, die das Schulsystem gerade lösen muss.
Warum die Absolventenzahl nicht ausreicht
- Fehlplanung
- Zu wenige Studienplätze in den 1990er/2000er Jahren aufgrund falscher Bedarfsprognosen
- Pensionierungswelle
- Bis 2030 gehen Zehntausende Lehrkräfte in Rente — die Nachrücker fehlen
- Mehr Schüler
- Zuwanderung und veränderte Geburtenraten erhöhten den Bedarf unerwartet
- Höherer Förderbedarf
- Inklusion, Sprachförderung, psychische Belastungen erfordern mehr und spezialisiertes Personal
- Mangelfächer
- In MINT-Fächern fehlen Absolventen strukturell — Studium gilt als zu schwer und Lehrberuf als zu wenig attraktiv
Welche Fächer fehlen am meisten?
Mathematik gehört bundesweit zu den am schwersten zu besetzenden Lehrerstellen — an Haupt- und Realschulen, an Gymnasien und zunehmend auch an Grundschulen, wo Zahlenverständnis und mathematische Grundbildung immer stärker in den Fokus rücken. Ähnliches gilt für Physik und Chemie. Informatik ist als Schulfach noch jung und der Bedarf wächst schneller als die Zahl der Absolventen.
Der Grund für den Mangel ist strukturell: Wer Mathematik oder Informatik studiert, hat viele gut bezahlte Karriereoptionen in der Privatwirtschaft. Der Lehrberuf konkurriert dort nicht mit Gehalt, sondern mit anderen Werten: Sinnhaftigkeit, Beamtenstatus, geregelte Arbeitszeiten. Für viele ist das attraktiv — aber eben nicht für alle, die die nötigen Fähigkeiten mitbringen.
Sport und Musik als Sonderfälle
Neben den klassischen MINT-Mangelfächern gibt es auch in Sport und Musik regional erhebliche Engpässe. Das liegt weniger an mangelnder Beliebtheit dieser Fächer, sondern an der Tatsache, dass Sportlehrkräfte und Musikpädagogen häufig Karrierewege außerhalb des Schuldienstes einschlagen — als Trainer, Musiker oder in der Erwachsenenbildung. Der Schulunterricht verliert hier an Attraktivität im Vergleich zu flexibleren Alternativtätigkeiten.
Frauenanteil im Lehramtsstudium
Das Lehramtsstudium ist — ähnlich wie der Lehrberuf selbst — stark feminisiert. Der Frauenanteil variiert nach Schulform und Fach: In Grundschulstudiengängen sind Frauen mit großem Abstand in der Mehrheit, in gymnasialen MINT-Fächern ist das Verhältnis etwas ausgeglichener, aber immer noch überwiegend weiblich.
Diese Feminisierung hat Folgen: Gesellschaftlich gilt der Lehrberuf in Deutschland als typischer Frauenberuf — mit den damit einhergehenden Konsequenzen für Prestige und Lohnniveau. Gleichzeitig reproduziert der hohe Frauenanteil im Studium die Struktur im Beruf. Politische Versuche, mehr Männer für das Grundschullehramt zu gewinnen, zeigen bislang nur begrenzte Wirkung.
Das Referendariat und seine Probleme
Das Referendariat — die zweite Ausbildungsphase nach dem Studium — dauert in den meisten Bundesländern 18 bis 24 Monate. Es verbindet eigenständigen Unterricht mit begleitender Ausbildung an Studienseminaren. In dieser Zeit sind Referendarinnen und Referendare bereits vor Klassen tätig — für einen Lohn, der oft unter dem eines Einstiegsgehalts im Schuldienst liegt.
Die Attraktivität des Referendariats leidet unter mehreren Faktoren: hohe Arbeitsbelastung, geringe Vergütung, erhebliche regionale Unterschiede in der Qualität der Ausbildung und das Risiko, nach bestandenem Examen keine Planstelle zu erhalten — weil die Stellen in der gewünschten Region nicht verfügbar sind. Das führt dazu, dass ein Teil der Absolventen nach dem Zweiten Staatsexamen den Beruf verlässt oder ins Ausland geht.
Quereinstieg als Notlösung
Angesichts des Mangels haben viele Bundesländer den Quereinstieg ausgebaut: Personen mit einem fachverwandten Hochschulabschluss, aber ohne Lehramtsstudium, können — oft nach einer kurzen Qualifizierungsphase — direkt in den Unterricht einsteigen. Das schließt kurzfristig Lücken, geht aber auf Kosten pädagogischer Qualität.
Quereinsteiger haben in der Regel solides Fachwissen, aber wenig Kenntnis über Unterrichtsmethodik, Klassenführung, Entwicklungspsychologie und den Umgang mit heterogenen Lerngruppen. Begleitende Fortbildungsmaßnahmen gibt es, sind aber in Qualität und Umfang sehr unterschiedlich. Langfristig ersetzt der Quereinstieg keine reguläre Lehramtsausbildung — er ist ein Notbehelf, keine Strategie.
Was das für Chancengleichheit bedeutet
Der Lehrermangel und die ungleichmäßige Versorgung mit gut ausgebildeten Lehrkräften haben direkte Konsequenzen für Bildungsgerechtigkeit. Schulen in sozial benachteiligten Gegenden — mit hohem Anteil an Kindern mit Sprachförderbedarf, aus einkommensschwachen Familien oder mit besonderem Unterstützungsbedarf — haben systematisch größere Schwierigkeiten, ausgebildete und erfahrene Lehrkräfte zu halten.
Das Ergebnis: Wer ohnehin schlechtere Startbedingungen hat, erhält auch schlechtere schulische Unterstützung. Bildungsarmut wird damit nicht bekämpft, sondern durch die ungleiche Verteilung von Lehrerressourcen strukturell verfestigt. Ein Schulsystem, das Chancengleichheit sichern soll, reproduziert auf diese Weise soziale Ungleichheit — obwohl es genau das Gegenteil leisten könnte.
Bildungsgerechtigkeit in Gefahr: Mangelfächer und unbesetzte Stellen konzentrieren sich in Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Kinder. Gerade dort, wo qualitativ hochwertiger Unterricht am nötigsten wäre, fehlt er am häufigsten. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Attraktivitätsgefällen, die politisch korrigiert werden müssten.