Bildung & Gesellschaft

Lehramtsprüfungen 2022: Absolventen, Mangelfächer und Zukunftstrends

Jährlich legen rund 30.000 bis 35.000 Personen das Erste Staatsexamen oder den Bachelor of Education ab — zu wenig für den wachsenden Bedarf. Mathematik, Physik und Informatik bleiben Sorgenkinder. Und wer den Mangel am stärksten spürt, sind sozial benachteiligte Schulen.

Schlüsselzahlen

30–35 Tsd.
Lehramtsabsolventen jährlich — nicht ausreichend, um den Bedarf durch Pensionierungen und Wachstum zu decken
60–70 %
Frauenanteil im Lehramtsstudium — besonders hoch in Grundschul- und Förderschulstudiengängen
Bis 2030
Prognose: 60.000 bis 70.000 fehlende Lehrkräfte bundesweit — Pensionierungswelle verschärft den Mangel
Mathematik
Zusammen mit Physik, Informatik und Chemie: chronisch unterversorgte Mangelfächer an deutschen Schulen

Das Lehramtsstudium ist einer der anspruchsvollsten und längsten Ausbildungswege in Deutschland — und gleichzeitig mündet er in einen Beruf, dessen gesellschaftliche Wertschätzung und Bezahlung nicht immer dem Aufwand entsprechen. Rund 30.000 bis 35.000 Menschen schließen jährlich ihr Erstes Staatsexamen oder den Bachelor of Education ab. Das klingt nach einer stattlichen Zahl — reicht aber nicht aus. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wächst, und die sozialen Folgen treffen vor allem jene Schulen, die ohnehin schon am meisten Unterstützung brauchen.

Wie viele Lehramtsabsolventen gibt es jährlich?

Kurzantwort: In Deutschland legen jährlich rund 30.000 bis 35.000 Personen das Erste Staatsexamen oder einen lehramtsbezogenen Bachelor-Abschluss ab. Hinzu kommt eine ähnliche Zahl von Zweitem Staatsexamen nach dem Referendariat. Diese Zahlen decken den aktuellen und künftigen Bedarf nicht — besonders nicht bei Mangelfächern und in sozial benachteiligten Regionen.

Die Ausbildung von Lehrkräften in Deutschland ist durch Föderalismus geprägt: Jedes Bundesland regelt die Strukturen, Prüfungsanforderungen und Kapazitäten selbst. Das führt zu erheblicher Vielfalt und erschwert bundesweite Vergleiche. Grundsätzlich besteht die Ausbildung aus zwei Phasen: dem Studium (das mit dem Ersten Staatsexamen oder dem Master of Education abschließt) und dem Referendariat, das nach bestandenem Zweitem Staatsexamen in den Schuldienst führt.

Die Abschlusszahlen variieren von Jahr zu Jahr und zwischen den Bundesländern erheblich. Insgesamt liegt die jährliche Absolventenzahl in einer Größenordnung, die zwar den natürlichen Abgang durch Ruhestand teilweise kompensiert, aber weder den erhöhten Bedarf durch wachsende Schülerzahlen noch die bevorstehende Pensionierungswelle auffangen kann.

Warum reicht die Zahl nicht aus?

Kurzantwort: Die Absolventenzahlen sind zu niedrig, weil jahrelang zu wenig Studienplätze bereitgestellt wurden. Gleichzeitig steigen Schülerzahlen und Förderbedarfe. Und in den nächsten Jahren gehen besonders viele erfahrene Lehrkräfte in Rente — die durch die aktuellen Absolventen nicht ersetzt werden können.

Das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hat strukturelle Ursachen. In den 1990er und frühen 2000er Jahren prognostizierten Bildungsplaner sinkende Schülerzahlen — und reduzierten die Studienkapazitäten entsprechend. Diese Prognosen erwiesen sich als falsch: Zuwanderung, veränderte Geburtenziffern und der Ausbau ganztägiger Schulen trieben den Bedarf stärker, als erwartet.

Gleichzeitig wächst der qualitative Anspruch an Lehrkräfte: Inklusion erfordert sonderpädagogisches Wissen, Sprachförderung braucht Fachkräfte, und der Umgang mit psychisch belasteten Schülern fordert zusätzliche Kompetenzen. Mehr Aufgaben bei gleichbleibender oder sogar sinkender Personalversorgung — das ist die Gleichung, die das Schulsystem gerade lösen muss.

Warum die Absolventenzahl nicht ausreicht

Fehlplanung
Zu wenige Studienplätze in den 1990er/2000er Jahren aufgrund falscher Bedarfsprognosen
Pensionierungswelle
Bis 2030 gehen Zehntausende Lehrkräfte in Rente — die Nachrücker fehlen
Mehr Schüler
Zuwanderung und veränderte Geburtenraten erhöhten den Bedarf unerwartet
Höherer Förderbedarf
Inklusion, Sprachförderung, psychische Belastungen erfordern mehr und spezialisiertes Personal
Mangelfächer
In MINT-Fächern fehlen Absolventen strukturell — Studium gilt als zu schwer und Lehrberuf als zu wenig attraktiv

Welche Fächer fehlen am meisten?

Kurzantwort: Mathematik, Physik, Informatik und Chemie sind die chronischsten Mangelfächer. Hier ist das Lehramtsstudium besonders anspruchsvoll, und gleichzeitig bietet die freie Wirtschaft für Menschen mit diesen Fachkenntnissen deutlich attraktivere Alternativen.

Mathematik gehört bundesweit zu den am schwersten zu besetzenden Lehrerstellen — an Haupt- und Realschulen, an Gymnasien und zunehmend auch an Grundschulen, wo Zahlenverständnis und mathematische Grundbildung immer stärker in den Fokus rücken. Ähnliches gilt für Physik und Chemie. Informatik ist als Schulfach noch jung und der Bedarf wächst schneller als die Zahl der Absolventen.

Der Grund für den Mangel ist strukturell: Wer Mathematik oder Informatik studiert, hat viele gut bezahlte Karriereoptionen in der Privatwirtschaft. Der Lehrberuf konkurriert dort nicht mit Gehalt, sondern mit anderen Werten: Sinnhaftigkeit, Beamtenstatus, geregelte Arbeitszeiten. Für viele ist das attraktiv — aber eben nicht für alle, die die nötigen Fähigkeiten mitbringen.

Sport und Musik als Sonderfälle

Neben den klassischen MINT-Mangelfächern gibt es auch in Sport und Musik regional erhebliche Engpässe. Das liegt weniger an mangelnder Beliebtheit dieser Fächer, sondern an der Tatsache, dass Sportlehrkräfte und Musikpädagogen häufig Karrierewege außerhalb des Schuldienstes einschlagen — als Trainer, Musiker oder in der Erwachsenenbildung. Der Schulunterricht verliert hier an Attraktivität im Vergleich zu flexibleren Alternativtätigkeiten.

Frauenanteil im Lehramtsstudium

Kurzantwort: Rund 60 bis 70 Prozent der Lehramtsstudierenden sind Frauen. In Grundschul- und Förderschulstudiengängen liegt der Anteil noch höher. Das spiegelt gesellschaftliche Zuschreibungen wider und hat Konsequenzen für das Ansehen und die Bezahlung des Berufs.

Das Lehramtsstudium ist — ähnlich wie der Lehrberuf selbst — stark feminisiert. Der Frauenanteil variiert nach Schulform und Fach: In Grundschulstudiengängen sind Frauen mit großem Abstand in der Mehrheit, in gymnasialen MINT-Fächern ist das Verhältnis etwas ausgeglichener, aber immer noch überwiegend weiblich.

Diese Feminisierung hat Folgen: Gesellschaftlich gilt der Lehrberuf in Deutschland als typischer Frauenberuf — mit den damit einhergehenden Konsequenzen für Prestige und Lohnniveau. Gleichzeitig reproduziert der hohe Frauenanteil im Studium die Struktur im Beruf. Politische Versuche, mehr Männer für das Grundschullehramt zu gewinnen, zeigen bislang nur begrenzte Wirkung.

Das Referendariat und seine Probleme

Das Referendariat — die zweite Ausbildungsphase nach dem Studium — dauert in den meisten Bundesländern 18 bis 24 Monate. Es verbindet eigenständigen Unterricht mit begleitender Ausbildung an Studienseminaren. In dieser Zeit sind Referendarinnen und Referendare bereits vor Klassen tätig — für einen Lohn, der oft unter dem eines Einstiegsgehalts im Schuldienst liegt.

Die Attraktivität des Referendariats leidet unter mehreren Faktoren: hohe Arbeitsbelastung, geringe Vergütung, erhebliche regionale Unterschiede in der Qualität der Ausbildung und das Risiko, nach bestandenem Examen keine Planstelle zu erhalten — weil die Stellen in der gewünschten Region nicht verfügbar sind. Das führt dazu, dass ein Teil der Absolventen nach dem Zweiten Staatsexamen den Beruf verlässt oder ins Ausland geht.

Quereinstieg als Notlösung

Angesichts des Mangels haben viele Bundesländer den Quereinstieg ausgebaut: Personen mit einem fachverwandten Hochschulabschluss, aber ohne Lehramtsstudium, können — oft nach einer kurzen Qualifizierungsphase — direkt in den Unterricht einsteigen. Das schließt kurzfristig Lücken, geht aber auf Kosten pädagogischer Qualität.

Quereinsteiger haben in der Regel solides Fachwissen, aber wenig Kenntnis über Unterrichtsmethodik, Klassenführung, Entwicklungspsychologie und den Umgang mit heterogenen Lerngruppen. Begleitende Fortbildungsmaßnahmen gibt es, sind aber in Qualität und Umfang sehr unterschiedlich. Langfristig ersetzt der Quereinstieg keine reguläre Lehramtsausbildung — er ist ein Notbehelf, keine Strategie.

Was das für Chancengleichheit bedeutet

Der Lehrermangel und die ungleichmäßige Versorgung mit gut ausgebildeten Lehrkräften haben direkte Konsequenzen für Bildungsgerechtigkeit. Schulen in sozial benachteiligten Gegenden — mit hohem Anteil an Kindern mit Sprachförderbedarf, aus einkommensschwachen Familien oder mit besonderem Unterstützungsbedarf — haben systematisch größere Schwierigkeiten, ausgebildete und erfahrene Lehrkräfte zu halten.

Das Ergebnis: Wer ohnehin schlechtere Startbedingungen hat, erhält auch schlechtere schulische Unterstützung. Bildungsarmut wird damit nicht bekämpft, sondern durch die ungleiche Verteilung von Lehrerressourcen strukturell verfestigt. Ein Schulsystem, das Chancengleichheit sichern soll, reproduziert auf diese Weise soziale Ungleichheit — obwohl es genau das Gegenteil leisten könnte.

Bildungsgerechtigkeit in Gefahr: Mangelfächer und unbesetzte Stellen konzentrieren sich in Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Kinder. Gerade dort, wo qualitativ hochwertiger Unterricht am nötigsten wäre, fehlt er am häufigsten. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Attraktivitätsgefällen, die politisch korrigiert werden müssten.

Häufige Fragen zu Lehramtsprüfungen und Absolventen

Wie viele Menschen studieren Lehramt in Deutschland?

Die genaue Zahl variiert, aber insgesamt studieren in Deutschland mehrere Hunderttausend Personen in Lehramtsstudiengängen. Jährlich legen rund 30.000 bis 35.000 das Erste Staatsexamen oder einen lehramtsbezogenen Bachelorabschluss ab. Hinzu kommen die Absolventen des Zweiten Staatsexamens nach dem Referendariat. Diese Gesamtzahl reicht nicht aus, um den wachsenden Bedarf zu decken.

Welche Fächer fehlen am dringendsten?

Bundesweit am kritischsten sind Mathematik, Physik und Informatik. Auch Chemie, Sport und Musik sind in vielen Regionen unterversorgt. In diesen Fächern konkurriert der Lehrberuf mit attraktiven Alternativen in der Privatwirtschaft — bei oft deutlich höheren Gehältern. Das macht es schwer, ausreichend Nachwuchs für das Lehramt in diesen Disziplinen zu gewinnen.

Was ist der Quereinstieg ins Lehramt?

Quereinstieg bedeutet, dass Personen ohne klassisches Lehramtsstudium in den Schuldienst eintreten — meist mit einem fachverwandten Hochschulabschluss. Nach einer kurzen Einführungs- oder Qualifizierungsphase unterrichten sie eigenständig in Klassen. Diese Praxis schließt kurzfristig Lücken, kann aber die pädagogische Qualität einer regulären Lehramtsausbildung nicht vollständig ersetzen.

Warum gibt es Lehrermangel, wenn viele Lehramt studieren?

Trotz hoher Studierendenzahlen im Lehramt gibt es mehrere Probleme: Erstens ist die Zahl der Absolventen nicht hoch genug, um gleichzeitig Pensionierungen zu kompensieren und den wachsenden Bedarf durch mehr Schüler und höhere Förderanforderungen zu decken. Zweitens verlässt ein Teil der Absolventen den Beruf nach dem Referendariat wieder. Drittens fehlen speziell in Mangelfächern Absolventen, weil diese Fächer andere Karriereoptionen bieten.

Was bedeutet Lehrermangel für sozial schwache Schulen?

Schulen in sozial benachteiligten Gegenden sind deutlich schwerer zu besetzen als Schulen in wohlhabenderen Gegenden. Erfahrene Lehrkräfte bevorzugen günstigere Arbeitsbedingungen. Das führt dazu, dass genau jene Schulen, die qualifizierte Lehrkräfte am dringendsten bräuchten, am schlechtesten versorgt sind — mit direkten Folgen für die Bildungschancen der Kinder.