Wer in Deutschland in Rente geht, tritt in einen neuen Lebensabschnitt ein — und dieser Abschnitt ist laenger geworden. Die fernere Lebenserwartung ab 65, also die statistisch erwartete Zahl weiterer Lebensjahre ab dem Rentenalter, ist in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen. Das ist grundsaetzlich eine gute Nachricht — ein Zeichen fuer verbesserte medizinische Versorgung, bessere Ernaehrung und sicherere Lebensverhaeltnisse. Aber eine laengere Rentenbezugsdauer bedeutet auch: Eine knappe Rente reicht ueber immer mehr Jahre nicht aus. Und das ist ein gravierendes Problem fuer einen wachsenden Teil der aelteren Bevoelkerung.
Frauen sind in diesem Zusammenhang besonders gefaehrdet. Sie leben im Schnitt laenger — und haben dennoch niedrigere Rentenansprueche, weil sie im Erwerbsleben haeufiger in Teilzeit gearbeitet haben, haeufiger Unterbrechungen durch Kindererziehung oder Pflege hatten und in Berufen taetig waren, die schlechter entlohnt werden. Laengere Lebenserwartung kombiniert mit niedrigerer Rente ergibt ein hohes Armutsrisiko im hohen Alter.
Was ist die fernere Lebenserwartung?
Die allgemeine Lebenserwartung bei Geburt und die fernere Lebenserwartung ab einem bestimmten Alter sind verschiedene Konzepte. Die Lebenserwartung bei Geburt berechnet, wie alt ein heute neugeborenes Kind durchschnittlich werden wird — einschliesslich aller Sterblichkeitsrisiken in Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben. Die fernere Lebenserwartung ab 65 fragt dagegen: Wer das 65. Lebensjahr erreicht hat — wie viele weitere Jahre lebt dieser Mensch noch?
Wer 65 wird, hat bereits alle fruehzeitigen Sterblichkeitsrisiken ueberstanden. Die fernere Lebenserwartung ist deshalb haeufig hoeher als man intuitiv vermuten wuerde. Fuer Frauen, die 65 werden, liegt sie derzeit bei rund 20 bis 21 Jahren — sie erreichen damit im Schnitt ein Alter von etwa 85 bis 86 Jahren. Fuer Maenner liegt die fernere Lebenserwartung ab 65 bei rund 17 bis 18 Jahren — also ein durchschnittliches Alter von knapp 83 Jahren.
Frauen leben laenger — und tragen mehr Risiko
Das Paradox der weiblichen Altersarmut liegt genau hier: Frauen profitieren von ihrer hoeheren Lebenserwartung in dem Sinne, dass sie mehr Lebensjahre haben. Aber diese Lebensjahre muessen finanziert werden — und fuer viele Frauen ist die Rente dafuer nicht ausreichend. Das Armutsrisiko fuer Frauen ab 65 liegt in Deutschland bei rund 22 Prozent, fuer Maenner bei rund 17 Prozent. Das ist ein erheblicher Unterschied, der sich direkt aus der Verbindung von Erwerbsbiografie und Lebenserwartung erklaert.
Frauen haben im Erwerbsleben systematisch niedrigere Rentenanwartschaften aufgebaut. Die Gruende sind gut bekannt: Teilzeitarbeit waehrend der Kinderbetreuung, Erwerbsunterbrechungen fuer Pflege von Angehoerigen, Beschaeftigung in Branchen und Berufen mit niedrigerem Lohnniveau, der Gender Pay Gap im allgemeinen. All diese Faktoren reduzieren die Rentenansprueche, die nach Jahren der Beitragszahlung entstehen. Das Rentensystem ist ein Spiegel der Erwerbsbiografie — und in einer Gesellschaft, in der Carearbeit unentlohnt bleibt und Teilzeit systematisch weiblich ist, sind die Rentenunterschiede zwischen Maennern und Frauen eine vorhersagbare Konsequenz.
Rentenbezugsdauer und Rentenrendite
Das Rentensystem ist ein Umlageverfahren: Heutige Beitragszahlerinnen und -zahler finanzieren heutige Rentnerinnen und Rentner. Fuer den einzelnen Versicherten stellt sich die Frage der Rentenrendite: Bekomme ich zurueck, was ich eingezahlt habe, und mit welchem "Zinssatz"? Eine laengere Rentenbezugsdauer ist dabei individuell vorteilhaft — je laenger man lebt, desto mehr Rentenzahlungen erhaelt man. Gleichzeitig bedeutet das: Wer lange lebt und eine niedrige Rente hat, traegt eine knappe finanzielle Situation ueber sehr viele Jahre.
Fuer das Rentensystem als Ganzes ist die steigende Lebenserwartung eine Herausforderung. Wenn Rentnerinnen und Rentner laenger leben, muessen mehr Rentenleistungen finanziert werden — bei gleichbleibender oder sinkender Zahl von Beitragszahlenden. Daraus ergibt sich der politische Druck, das Rentenniveau zu senken oder das Renteneintrittsalter anzuheben. Beides trifft vor allem jene, die koerperlich anstrengende Berufe haben und nicht problemlos laenger arbeiten koennen.
Grundsicherung im Alter
Wenn die Rente nicht ausreicht, gibt es in Deutschland die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung — eine Sozialleistung nach dem Sozialgesetzbuch XII. Sie soll sicherstellen, dass niemand im Alter unter dem soziokulturellen Existenzminimum leben muss. Wer Grundsicherung beantragt, bekommt den Unterschied zwischen der eigenen Rente und dem Grundsicherungsbedarf ausgezahlt.
Rund 700.000 Menschen beziehen diese Leistung — eine Zahl, die in den letzten Jahren gestiegen ist. Aber die Zahl der tatsaechlichen Anspruchsberechtigten ist deutlich hoeher. Schaetzungen zufolge beantragt ein erheblicher Teil der Anspruchsberechtigten die Grundsicherung nicht — aus Scham, aus Unkenntnis, aus Angst, Kinder wuerden finanzlich herangezogen werden. Letzteres ist seit einer Gesundheitsrechtsaenderung 2020 fuer Grundsicherung im Alter nur noch bei Eltern mit sehr hohem Einkommen moeglich — aber das Wissen darueber ist noch nicht ueberall angekommen. Nicht-Inanspruchnahme von Sozialleistungen ist ein strukturelles Problem, das besonders im Alter ausgepraegt ist.
Rentenbezug und Armutsrisiko im Ueberblick
- Rentenbezug Frauen
- ca. 21 Jahre — laengste Bezugsdauer, aber oft geringste Rentenhoehe
- Rentenbezug Maenner
- ca. 17 Jahre — kuerzer, aber hoehere durchschnittliche Rentenansprueche
- Armutsrisiko Frauen 65+
- ca. 22 % — deutlich hoeher als bei Maennern
- Armutsrisiko Maenner 65+
- ca. 17 % — ebenfalls erheblich, aber geringer als bei Frauen
Pflegebedarf und Eigenanteil
Eine laengere Lebenserwartung bedeutet nicht nur laengerer Rentenbezug — sie erhoht auch die Wahrscheinlichkeit, irgendwann pflegebeduerftigt zu werden. Pflegebeduerftigkeit trifft aeltere Menschen ueberproportional: Waehrend in der Gruppe der 70- bis 75-Jaehrigen noch relativ wenige Pflegeleistungen benoetigen, steigt der Anteil in der Gruppe der ueber 85-Jaehrigen erheblich. Und Frauen sind aufgrund ihrer hoeheren Lebenserwartung in dieser Altersgruppe stark vertreten.
Die Pflegeversicherung in Deutschland deckt die Pflegekosten nur teilweise ab. Was sie nicht deckt, muss aus eigenem Vermogen oder Einkommen bezahlt werden — der sogenannte Eigenanteil. Bei einem stationaeren Heimaufenthalt belaeuft sich der Eigenanteil derzeit auf durchschnittlich 2.000 bis 2.500 Euro pro Monat. Fuer Menschen mit einer Rente von 1.000 bis 1.200 Euro — und das sind viele Frauen — ist das schlicht nicht finanzierbar. In diesem Fall greift die Sozialhilfe, speziell die Hilfe zur Pflege. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner wird letztlich oeffentlich finanziert — und das Stigma, "Sozialhilfe im Heim" zu beziehen, ist fuer viele Betroffene belastend.
Armut und Sterblichkeit
Die Statistik der ferneren Lebenserwartung ab 65 ist ein Durchschnittswert — und Durchschnitte koennen taeuschen. Hinter diesem Durchschnitt verbergen sich erhebliche Unterschiede nach soziooekonomischem Status. Menschen, die ihr Leben in Armut verbracht haben — mit schlechterer Ernaehrung, weniger Gesundheitsversorgung, belastenden Arbeitsbedingungen und hoeherem Stress — sterben im Schnitt frueher als Menschen mit hohem Einkommen und Bildung.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer arm in Rente geht, hat im Schnitt weniger Rentenjahre als der statistische Durchschnitt vermuten laesst. Das Paradox der Altersarmut vertieft sich: Die, die am dringendsten auf eine ausreichende Rente angewiesen waeren, leben haeufig kuerzer — waehrend Wohlhabende, die sich selbst helfen koennten, laenger von ihrer Rente profitieren. Das Rentensystem profitiert damit strukturell den Bessergestellten.
Was politisch gefordert wird
Die politischen Debatten rund um Rente und Lebenserwartung kreisen um mehrere Kernfragen. Eine ist die Sicherung des Rentenniveaus: In Deutschland ist das Rentenniveau — das Verhaeltnis der Rente zum Durchschnittslohn — in den letzten Jahrzehnten gesunken. Eine Rente, die 70 Prozent des Durchschnittslohns abdeckt, waere eine andere als eine, die nur 48 Prozent abdeckt. Die politische Frage ist, wer die Finanzierung einer hoeheren Rentengarantie traegt.
Eine zweite Frage betrifft die Anerkennung von Carearbeit. Kindererziehung und Pflege von Angehoerigen sind gesellschaftlich notwendig — aber sie erzeugen keine Rentenanwartschaften im gleichen Mass wie Erwerbsarbeit. Eine groessere Anerkennung dieser Arbeit in der Rentenberechnung wuerde insbesondere Frauen zugutekommen, die den groessten Teil der Carearbeit leisten. Drittens diskutiert wird eine breitere Basis der Rentenversicherung: Beamte, Selbststaendige und andere Gruppen, die nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, wuerden das System stabiler machen und die Last der Finanzierung breiter verteilen.
Die Grundrente, die seit 2021 fuer Menschen mit langen Beitragszeiten aber niedrigem Einkommen einen Zuschlag bietet, ist ein Schritt in diese Richtung — aber kein ausreichender. Fuer Millionen Menschen, die trotz Jahrzehnten der Beitragszahlung nur eine sehr geringe Rente erhalten, bleibt das Armutsrisiko real und drueckend.