Was ist ein Einkommensquintil?
Um Einkommensunterschiede in einer Gesellschaft sichtbar zu machen, verwenden Statistiker und Sozialforscher Quintile. Das Wort kommt vom lateinischen "quintus" — der Fünfte. Die Methode ist denkbar einfach: Man sortiert alle Haushalte oder Personen nach ihrem Einkommen und teilt die Liste in fünf gleich große Gruppen. Jede Gruppe umfasst genau 20 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Das erste Quintil enthält die 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen. Das fünfte Quintil enthält die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen. Dazwischen liegen das zweite, dritte und vierte Quintil. Mit dieser einfachen Einteilung lassen sich Einkommensverteilung, Ungleichheit und soziale Mobilität präzise analysieren — ohne dass man einzelne Personen benennen oder hochkomplexe Statistiken bemühen müsste.
Quintile werden in der Wirtschafts- und Sozialforschung weltweit eingesetzt, um Einkommensverteilungen vergleichbar zu machen — zwischen Ländern, zwischen Zeiträumen und zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Sie sind ein Standardwerkzeug in der Armutsforschung, in politischen Debatten über Umverteilung und in Studien zu sozialer Mobilität.
Die fünf Quintile in Deutschland: Was verdienen sie?
Die Einkommensgrenzen zwischen den Quintilen sind keine fixen gesetzlichen Schwellen, sondern statistische Grenzwerte, die sich aus der tatsächlichen Einkommensverteilung ergeben und sich im Zeitverlauf verschieben. Die folgenden Angaben beziehen sich auf Nettoeinkommen Alleinstehender und sind als Richtwerte zu verstehen.
| Quintil | Einkommensgruppe | Nettoeinkommen (ca.) | Charakteristik |
|---|---|---|---|
| 1. Quintil | Unterstes Fünftel | unter 1.200 €/Monat | Armutsgefährdet, oft auf Transfers angewiesen |
| 2. Quintil | Untere Mittelschicht | ca. 1.200–1.800 € | Knapp oberhalb der Armutsschwelle |
| 3. Quintil | Mitte der Gesellschaft | ca. 1.800–2.500 € | Kern der gesellschaftlichen Mitte |
| 4. Quintil | Gehobene Mittelschicht | ca. 2.500–3.800 € | Überdurchschnittliches Einkommen |
| 5. Quintil | Obere Einkommensgruppe | über 3.800 €/Monat | Erheblicher Abstand zu allen anderen Gruppen |
Das erste Quintil: Armutsgefährdung als Strukturmerkmal
Im untersten Quintil sind Haushalte vereint, die unter oder nahe an der Armutsgefährdungsschwelle leben. In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommens) zur Verfügung hat. Für Alleinstehende lag diese Schwelle 2021 bei rund 1.250 Euro netto im Monat.
Das erste Quintil ist keine homogene Gruppe. Es umfasst Langzeitarbeitslose, Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen, Alleinerziehende mit kleinen Kindern, Geringverdiener in prekären Arbeitsverhältnissen und Menschen in Altersarmut. Nicht alle sind dauerhaft in dieser Situation — ein Teil befindet sich vorübergehend in einer Einkommenskrise und wird das Quintil innerhalb weniger Jahre verlassen.
Das zweite Quintil: Die unsichere Mittelschicht
Das zweite Quintil liegt knapp über der Armutsgefährdungsschwelle. Menschen in dieser Gruppe arbeiten häufig in einfachen Dienstleistungsberufen, im Einzelhandel, in der Pflege oder in handwerklichen Berufen ohne besondere Qualifikation. Ihr Einkommen reicht für den Lebensunterhalt, lässt aber kaum Rücklagen zu.
Rund 29,8 Prozent der Haushalte im zweiten Quintil verbessern ihr Einkommen innerhalb von fünf Jahren so weit, dass sie in ein höheres Quintil aufsteigen. Das ist eine bemerkenswert hohe Mobilitätsrate — und zeigt, dass das zweite Quintil oft eine Durchgangsstation ist, nicht eine Endstation.
Das dritte Quintil: Die gesellschaftliche Mitte
Das dritte Quintil umfasst den Kern der gesellschaftlichen Mitte mit Nettoeinkommen zwischen rund 1.800 und 2.500 Euro. Diese Haushalte können sich Urlaub, ein Auto und gelegentliche größere Ausgaben leisten, geraten bei unerwarteten Kosten wie langen Krankheitsphasen oder Arbeitslosigkeit aber schnell unter Druck.
Viertes und fünftes Quintil: Spielräume und Konzentration
Das vierte Quintil gilt als gehobene Mittelschicht — Menschen mit guten Berufsabschlüssen, häufig in Fach- und Führungspositionen. Das fünfte Quintil umfasst die obere Einkommensgruppe: Gut bezahlte Akademikerinnen, Unternehmer, Freiberufler und Führungskräfte. Innerhalb des fünften Quintils gibt es zudem erhebliche Spreizung: Die obersten ein oder zwei Prozent liegen nochmals weit über dem Rest des Quintils.
Das Quintilsverhältnis S80/S20
Das S80/S20-Verhältnis ist eine der gebräuchlichsten Kennzahlen zur Messung von Einkommensungleichheit. Es vergleicht nicht Einzelpersonen, sondern das addierte Gesamteinkommen aller Haushalte im obersten Quintil mit dem addierten Gesamteinkommen aller Haushalte im untersten Quintil.
In Deutschland liegt dieses Verhältnis bei rund vier bis fünf. Das bedeutet: Die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen verdienen zusammen etwa viermal so viel wie die 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen. Im EU-Vergleich ist das ein mittlerer Wert. Länder wie Bulgarien oder Rumänien haben weitaus höhere Werte, Dänemark und Tschechien niedrigere.
Einkommensungleichheit und der Gini-Koeffizient
Neben Quintilen verwenden Forscher den Gini-Koeffizienten als zusammenfassendes Maß der Ungleichheit. Ein Wert von 0 würde bedeuten, dass alle genau gleich viel verdienen. Ein Wert von 1 würde bedeuten, dass eine einzige Person das gesamte Einkommen erhält. Deutschland liegt bei einem Wert von rund 0,30 — das entspricht einer moderaten Ungleichheit im westeuropäischen Vergleich.
Allerdings erfasst der Gini-Koeffizient nur Markteinkommen und teils Transfereinkommen, aber nicht Vermögen. Wenn man Vermögensungleichheit einbezieht, fällt das Bild für Deutschland deutlich ungünstiger aus. Die Vermögensungleichheit gehört zu den höchsten in der EU — getrieben von der niedrigen Wohneigentumsquote und der starken Konzentration von Finanzanlagen bei wenigen.
Wichtige Kennzahlen zur Einkommensverteilung
- Armutsschwelle
- 60% des Medianeinkommens — ca. 1.250 € (2021, Alleinstehende)
- Armutsgefährdungsquote
- ca. 16% der Bevölkerung
- S80/S20-Verhältnis
- ca. 4–5 — obere 20% verdienen 4-5x mehr als untere 20%
- Gini-Koeffizient
- ca. 0,30 — moderat im EU-Vergleich
- Quintilsmobilität
- ca. 25–30% verlassen ihr Quintil innerhalb von 5 Jahren
Soziale Mobilität: Wie stabil sind die Quintilsgrenzen?
Quintile sind keine lebenslangen Schubladen. Menschen wechseln zwischen ihnen — nach oben durch Bildungsabschlüsse, Karriereschritte oder eine günstige Partnerschaft; nach unten durch Jobverlust, Scheidung, Krankheit oder Pflege von Angehörigen. Rund 25 bis 30 Prozent der Haushalte verlassen ihr Quintil innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren.
Das klingt nach erheblicher Beweglichkeit. Doch die Mobilitätsrate ist ungleich verteilt. In der Mitte — also im zweiten, dritten und vierten Quintil — gibt es viele Auf- und Abstiege. An den Rändern sieht es anders aus: Wer im untersten Quintil fest verankert ist, weil er von Langzeitarbeitslosigkeit, Behinderung oder dauerhafter Pflege betroffen ist, verlässt dieses Quintil selten. Und wer zum oberen Quintil gehört und dort gut ausgebildet und vernetzt ist, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit dort.
Soziale Mobilität in Deutschland gilt im OECD-Vergleich als mittelmäßig. Skandinavische Länder wie Dänemark oder Finnland weisen höhere Aufstiegschancen auf. Der Bildungshintergrund der Eltern hat in Deutschland einen besonders starken Einfluss darauf, welches Quintil Kinder im Erwachsenenalter erreichen.