Soziale Ungleichheit

Was ist ein Einkommensquintil? Erklärung und Beispiele aus Deutschland

Einkommensquintile teilen die Bevölkerung in fünf gleich große Gruppen. Das Werkzeug macht soziale Ungleichheit messbar und zeigt, wie weit die Einkommensgruppen in Deutschland auseinanderliegen.

Auf einen Blick

5
gleich große Einkommensgruppen — jede umfasst 20% der Bevölkerung
ca. 1.250 €
Armutsschwelle für Alleinstehende (60% des Medians, Stand 2021)
0,30
Gini-Koeffizient Deutschland — moderate Ungleichheit im EU-Vergleich
ca. 16%
Armutsgefährdungsquote in Deutschland

Was ist ein Einkommensquintil?

Kurzantwort: Ein Quintil teilt eine Bevölkerung in fünf gleich große Gruppen nach Einkommenshöhe. Jede Gruppe umfasst 20 Prozent aller Haushalte oder Personen. Das erste Quintil enthält die Einkommensschwächsten, das fünfte die Einkommensstärksten.

Um Einkommensunterschiede in einer Gesellschaft sichtbar zu machen, verwenden Statistiker und Sozialforscher Quintile. Das Wort kommt vom lateinischen "quintus" — der Fünfte. Die Methode ist denkbar einfach: Man sortiert alle Haushalte oder Personen nach ihrem Einkommen und teilt die Liste in fünf gleich große Gruppen. Jede Gruppe umfasst genau 20 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das erste Quintil enthält die 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen. Das fünfte Quintil enthält die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen. Dazwischen liegen das zweite, dritte und vierte Quintil. Mit dieser einfachen Einteilung lassen sich Einkommensverteilung, Ungleichheit und soziale Mobilität präzise analysieren — ohne dass man einzelne Personen benennen oder hochkomplexe Statistiken bemühen müsste.

Quintile werden in der Wirtschafts- und Sozialforschung weltweit eingesetzt, um Einkommensverteilungen vergleichbar zu machen — zwischen Ländern, zwischen Zeiträumen und zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Sie sind ein Standardwerkzeug in der Armutsforschung, in politischen Debatten über Umverteilung und in Studien zu sozialer Mobilität.

Die fünf Quintile in Deutschland: Was verdienen sie?

Kurzantwort: Das unterste Quintil verfügt über weniger als etwa 1.200 Euro netto pro Monat, das oberste über mehr als 3.800 Euro. Die Abstände zwischen den Gruppen sind erheblich — das oberste Quintil verdient rund vier- bis fünfmal mehr als das unterste.

Die Einkommensgrenzen zwischen den Quintilen sind keine fixen gesetzlichen Schwellen, sondern statistische Grenzwerte, die sich aus der tatsächlichen Einkommensverteilung ergeben und sich im Zeitverlauf verschieben. Die folgenden Angaben beziehen sich auf Nettoeinkommen Alleinstehender und sind als Richtwerte zu verstehen.

Quintil Einkommensgruppe Nettoeinkommen (ca.) Charakteristik
1. Quintil Unterstes Fünftel unter 1.200 €/Monat Armutsgefährdet, oft auf Transfers angewiesen
2. Quintil Untere Mittelschicht ca. 1.200–1.800 € Knapp oberhalb der Armutsschwelle
3. Quintil Mitte der Gesellschaft ca. 1.800–2.500 € Kern der gesellschaftlichen Mitte
4. Quintil Gehobene Mittelschicht ca. 2.500–3.800 € Überdurchschnittliches Einkommen
5. Quintil Obere Einkommensgruppe über 3.800 €/Monat Erheblicher Abstand zu allen anderen Gruppen

Das erste Quintil: Armutsgefährdung als Strukturmerkmal

Im untersten Quintil sind Haushalte vereint, die unter oder nahe an der Armutsgefährdungsschwelle leben. In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommens) zur Verfügung hat. Für Alleinstehende lag diese Schwelle 2021 bei rund 1.250 Euro netto im Monat.

Das erste Quintil ist keine homogene Gruppe. Es umfasst Langzeitarbeitslose, Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen, Alleinerziehende mit kleinen Kindern, Geringverdiener in prekären Arbeitsverhältnissen und Menschen in Altersarmut. Nicht alle sind dauerhaft in dieser Situation — ein Teil befindet sich vorübergehend in einer Einkommenskrise und wird das Quintil innerhalb weniger Jahre verlassen.

Das zweite Quintil: Die unsichere Mittelschicht

Das zweite Quintil liegt knapp über der Armutsgefährdungsschwelle. Menschen in dieser Gruppe arbeiten häufig in einfachen Dienstleistungsberufen, im Einzelhandel, in der Pflege oder in handwerklichen Berufen ohne besondere Qualifikation. Ihr Einkommen reicht für den Lebensunterhalt, lässt aber kaum Rücklagen zu.

Rund 29,8 Prozent der Haushalte im zweiten Quintil verbessern ihr Einkommen innerhalb von fünf Jahren so weit, dass sie in ein höheres Quintil aufsteigen. Das ist eine bemerkenswert hohe Mobilitätsrate — und zeigt, dass das zweite Quintil oft eine Durchgangsstation ist, nicht eine Endstation.

Das dritte Quintil: Die gesellschaftliche Mitte

Das dritte Quintil umfasst den Kern der gesellschaftlichen Mitte mit Nettoeinkommen zwischen rund 1.800 und 2.500 Euro. Diese Haushalte können sich Urlaub, ein Auto und gelegentliche größere Ausgaben leisten, geraten bei unerwarteten Kosten wie langen Krankheitsphasen oder Arbeitslosigkeit aber schnell unter Druck.

Viertes und fünftes Quintil: Spielräume und Konzentration

Das vierte Quintil gilt als gehobene Mittelschicht — Menschen mit guten Berufsabschlüssen, häufig in Fach- und Führungspositionen. Das fünfte Quintil umfasst die obere Einkommensgruppe: Gut bezahlte Akademikerinnen, Unternehmer, Freiberufler und Führungskräfte. Innerhalb des fünften Quintils gibt es zudem erhebliche Spreizung: Die obersten ein oder zwei Prozent liegen nochmals weit über dem Rest des Quintils.

Das Quintilsverhältnis S80/S20

Kurzantwort: Das S80/S20-Verhältnis setzt das Gesamteinkommen der oberen 20 Prozent ins Verhältnis zum Gesamteinkommen der unteren 20 Prozent. In Deutschland beträgt es rund 4 bis 5 — das oberste Quintil vereint also das Vier- bis Fünffache des Einkommens des untersten.

Das S80/S20-Verhältnis ist eine der gebräuchlichsten Kennzahlen zur Messung von Einkommensungleichheit. Es vergleicht nicht Einzelpersonen, sondern das addierte Gesamteinkommen aller Haushalte im obersten Quintil mit dem addierten Gesamteinkommen aller Haushalte im untersten Quintil.

In Deutschland liegt dieses Verhältnis bei rund vier bis fünf. Das bedeutet: Die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen verdienen zusammen etwa viermal so viel wie die 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen. Im EU-Vergleich ist das ein mittlerer Wert. Länder wie Bulgarien oder Rumänien haben weitaus höhere Werte, Dänemark und Tschechien niedrigere.

Einkommensungleichheit und der Gini-Koeffizient

Kurzantwort: Der Gini-Koeffizient misst Ungleichheit auf einer Skala von 0 (vollständige Gleichheit) bis 1 (eine Person besitzt alles). Deutschland liegt bei etwa 0,30 — ein moderater Wert im internationalen Vergleich, aber mit steigender Tendenz.

Neben Quintilen verwenden Forscher den Gini-Koeffizienten als zusammenfassendes Maß der Ungleichheit. Ein Wert von 0 würde bedeuten, dass alle genau gleich viel verdienen. Ein Wert von 1 würde bedeuten, dass eine einzige Person das gesamte Einkommen erhält. Deutschland liegt bei einem Wert von rund 0,30 — das entspricht einer moderaten Ungleichheit im westeuropäischen Vergleich.

Allerdings erfasst der Gini-Koeffizient nur Markteinkommen und teils Transfereinkommen, aber nicht Vermögen. Wenn man Vermögensungleichheit einbezieht, fällt das Bild für Deutschland deutlich ungünstiger aus. Die Vermögensungleichheit gehört zu den höchsten in der EU — getrieben von der niedrigen Wohneigentumsquote und der starken Konzentration von Finanzanlagen bei wenigen.

Wichtige Kennzahlen zur Einkommensverteilung

Armutsschwelle
60% des Medianeinkommens — ca. 1.250 € (2021, Alleinstehende)
Armutsgefährdungsquote
ca. 16% der Bevölkerung
S80/S20-Verhältnis
ca. 4–5 — obere 20% verdienen 4-5x mehr als untere 20%
Gini-Koeffizient
ca. 0,30 — moderat im EU-Vergleich
Quintilsmobilität
ca. 25–30% verlassen ihr Quintil innerhalb von 5 Jahren

Soziale Mobilität: Wie stabil sind die Quintilsgrenzen?

Kurzantwort: In Deutschland verlassen rund 25 bis 30 Prozent der Haushalte ihr Einkommensquintil innerhalb von fünf Jahren. Die Mobilität ist höher als oft angenommen — vor allem in der unteren und mittleren Mitte. An den Rändern — ganz oben und ganz unten — ist sie deutlich geringer.

Quintile sind keine lebenslangen Schubladen. Menschen wechseln zwischen ihnen — nach oben durch Bildungsabschlüsse, Karriereschritte oder eine günstige Partnerschaft; nach unten durch Jobverlust, Scheidung, Krankheit oder Pflege von Angehörigen. Rund 25 bis 30 Prozent der Haushalte verlassen ihr Quintil innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren.

Das klingt nach erheblicher Beweglichkeit. Doch die Mobilitätsrate ist ungleich verteilt. In der Mitte — also im zweiten, dritten und vierten Quintil — gibt es viele Auf- und Abstiege. An den Rändern sieht es anders aus: Wer im untersten Quintil fest verankert ist, weil er von Langzeitarbeitslosigkeit, Behinderung oder dauerhafter Pflege betroffen ist, verlässt dieses Quintil selten. Und wer zum oberen Quintil gehört und dort gut ausgebildet und vernetzt ist, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit dort.

Soziale Mobilität in Deutschland gilt im OECD-Vergleich als mittelmäßig. Skandinavische Länder wie Dänemark oder Finnland weisen höhere Aufstiegschancen auf. Der Bildungshintergrund der Eltern hat in Deutschland einen besonders starken Einfluss darauf, welches Quintil Kinder im Erwachsenenalter erreichen.

Häufige Fragen zu Einkommensquintilen

Was ist ein Einkommensquintil einfach erklärt?

Ein Einkommensquintil ist eine von fünf gleich großen Gruppen, in die alle Haushalte oder Personen nach ihrem Einkommen eingeteilt werden. Jede Gruppe umfasst 20 Prozent der Bevölkerung. Das erste Quintil enthält die einkommensschwächsten, das fünfte die einkommensstärksten 20 Prozent.

Wie viel verdient das unterste Einkommensquintil in Deutschland?

Das unterste Quintil umfasst Haushalte mit einem Nettoeinkommen von unter etwa 1.200 Euro pro Monat (bei Alleinstehenden). Viele dieser Haushalte sind armutsgefährdet oder auf staatliche Transferleistungen angewiesen.

Was bedeutet das S80/S20-Verhältnis?

Das S80/S20-Verhältnis setzt das Gesamteinkommen des obersten Quintils ins Verhältnis zum Gesamteinkommen des untersten Quintils. In Deutschland liegt es bei etwa 4 bis 5 — die oberen 20 Prozent verdienen zusammen viermal mehr als die unteren 20 Prozent.

Wie mobil sind die Einkommensquintile in Deutschland?

Rund 25 bis 30 Prozent der Haushalte verlassen ihr Einkommensquintil innerhalb von fünf Jahren. Die Mobilität ist in der Mitte am höchsten, an den Rändern am geringsten. Deutschland gilt im OECD-Vergleich als ein Land mit mittlerer sozialer Mobilität — hinter den skandinavischen Ländern.

Was ist der Unterschied zwischen Quintil und Dezil?

Quintile teilen die Bevölkerung in fünf Gruppen (je 20%), Dezile in zehn (je 10%). Dezile ermöglichen feinere Analysen, etwa bei der Betrachtung der obersten zehn Prozent. Quintile sind für allgemeine Ungleichheitsvergleiche verbreitet.

Wie hoch ist die Armutsgefährdungsquote in Deutschland?

In Deutschland liegt die Armutsgefährdungsquote bei rund 16 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat — für Alleinstehende 2021 rund 1.250 Euro netto im Monat.