Eine sechsstellige Zahl — 137.700 — klingt zunächst abstrakt. Dahinter stehen Menschen, die sich entschieden haben, ihr Studium ganz oder teilweise jenseits der deutschen Grenze zu absolvieren. Sie tun das aus unterschiedlichen Gründen, wählen unterschiedliche Länder und kehren mit unterschiedlichen Erfahrungen zurück. Was sie verbindet: Sie sind keine repräsentative Stichprobe der deutschen Studierendenschaft. Sie stammen überdurchschnittlich häufig aus akademischen Elternhäusern mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, um diese Entscheidung überhaupt treffen zu können.
Wohin gehen Deutsche zum Studieren?
Österreich führt traditionell die Liste der beliebtesten Zielländer für deutsche Auslandsstudierende an. Der Hauptgrund ist schnell benannt: keine Sprachbarriere, geografische Nähe und — für einen erheblichen Teil der Bewerberinnen und Bewerber — die Hoffnung, in Studiengängen wie Medizin, Psychologie oder Pharmazie einen Platz zu bekommen, den der deutsche NC verwehrt hätte.
Die Niederlande haben sich als zweite wichtige Destination etabliert. Englischsprachige Studiengänge, ein liberales Hochschulsystem und die räumliche Nähe zu Deutschland machen das Land attraktiv. Viele Niederländische Hochschulen haben bewusst international ausgerichtete Bachelor-Programme aufgebaut — und werben gezielt um deutsche Studierende, die für bestimmte Fächer in Deutschland keinen Platz gefunden haben oder schlicht internationales Flair suchen.
Das Vereinigte Königreich war lange das beliebteste anglophone Zielland. Der Brexit hat die Situation verändert: Deutsche Studierende verlieren den Status als EU-Bürger mit den daraus resultierenden Vergünstigungen, müssen seither internationale Studiengebühren zahlen und haben keinen Anspruch mehr auf Erasmus+-Förderung im UK-Kontext. Die Zahlen der deutschen Studierenden in Großbritannien sind spürbar zurückgegangen. Die USA und die Schweiz bleiben attraktiv, aber mit erheblichen finanziellen Hürden verbunden: Studiengebühren in US-amerikanischen Hochschulen können Zehntausende Dollar pro Jahr betragen.
Beliebteste Zielländer für deutsche Auslandsstudierende
- Österreich
- Sprachlich vertraut, andere Zulassung; besonders für Medizin, Psychologie, Pharmazie
- Niederlande
- Englischsprachige Programme, liberales Zulassungssystem, Nähe zu Deutschland
- UK
- Renommierte Hochschulen; seit Brexit deutlich höhere Kosten für Deutsche
- USA
- Weltweiter Hochschulruf; sehr hohe Studiengebühren, starkes Stipendiensystem
- Schweiz
- Sprachlich teilweise vertraut, hoher Lebensstandard; begrenzte Studienplätze
Gründe für das Auslandsstudium
Für viele Auslandsstudierende ist die Entscheidung eine Kombination aus Push- und Pull-Faktoren. Der Push-Faktor ist häufig der NC: Wer in Deutschland für das gewünschte Fach keinen Platz bekommt, sucht Alternativen. Der Pull-Faktor ist die Attraktivität des Ziellandes: renommierte Hochschulen, Spracherwerb, internationale Netzwerke.
Ein langfristiger Effekt wird dabei oft als Argument ins Feld geführt: Auslandserfahrung korreliert statistisch mit höherem Einstiegsgehalt. Wer im Ausland studiert hat, erwirbt nicht nur fachliche Qualifikationen, sondern signalisiert Arbeitgebern auch Anpassungsfähigkeit, Mobilität und sprachliche Kompetenz. Dieser Zusammenhang ist dokumentiert — aber er ist keine Kausalität. Möglicherweise sind es dieselben Personen, die ohnehin schon bessere Ausgangsbedingungen haben, die ins Ausland gehen und später höhere Gehälter erzielen.
Erasmus+ und andere Förderprogramme
Nicht jedes Auslandsstudium ist ein vollständiges Studium im Ausland. Ein erheblicher Teil der deutschen Auslandsstudierenden absolviert lediglich ein oder zwei Semester an einer Partnerhochschule — häufig im Rahmen von Erasmus+, dem europäischen Austauschprogramm. Erasmus+ bietet finanzielle Förderung, erleichtert die Anerkennung von Studienleistungen und gibt Studierenden eine niedrigschwellige Möglichkeit, internationale Erfahrungen zu sammeln, ohne das gesamte Studium ins Ausland zu verlagern.
Dennoch gilt auch für Erasmus+: Der Zugang ist nicht gleich verteilt. Wer Erasmus nutzt, muss während des Auslandsaufenthalts trotz der Fördergelder häufig eigene Mittel beisteuern, um Mietdifferenzen, höhere Lebenshaltungskosten und eventuelle Reisekosten zu decken. Für Studierende, die auf BAföG angewiesen sind, bedeutet das eine erhebliche Zusatzbelastung — zumal das Auslands-BAföG bürokratisch aufwendiger ist und von manchen als unzuverlässig erlebt wird.
Soziale Herkunft als Weiche
Wer im Ausland studiert, ist in der Regel nicht die erste Person in ihrer Familie, die überhaupt studiert. Studien zur sozialen Zusammensetzung von Auslandsstudierenden zeigen konsistent: Kinder aus Akademikerhaushalten sind überrepräsentiert, Kinder aus Nicht-Akademiker-Haushalten unterrepräsentiert. Das gilt nicht nur für den teuren Sprung nach New York, sondern auch für das benachbarte Wien.
Die Gründe sind struktureller Natur. Erstens: Die rein finanziellen Kosten eines Auslandsstudiums sind höher als die eines Studiums im Heimatland — selbst wenn die Hochschulgebühren vergleichbar sind, fallen Umzug, Einrichtung und höhere Lebenshaltungskosten an. Zweitens: Eltern mit Hochschulhintergrund kennen die Förderangebote besser und können ihren Kindern gezielt Informationen und Kontakte weitergeben. Drittens: Wer bereits ein stabiles soziales Netz aufgebaut hat, kann dieses beim Schritt ins Ausland leichter loslassen — wer aus einem fragilen sozialen Umfeld kommt, hat schlicht mehr zu verlieren.
Stipendien schließen die Lücke nicht: DAAD, Begabtenförderwerke und andere Förderer bieten Stipendien an — aber sie sind wettbewerbsintensiv, setzen akademische Leistung voraus und verlangen Bewerbungskompetenzen, die selbst sozial ungleich verteilt sind. Das Netz der Förderung ist real, aber nicht dicht genug, um die strukturelle Benachteiligung vollständig aufzufangen.
Bildungsausländer in Deutschland: die Gegenbewegung
Der Begriff "Bildungsausländer" bezeichnet Studierende, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben — also ausländische Staatsangehörige, die mit einem ausländischen Abitur oder gleichwertigem Abschluss nach Deutschland kommen. Sie sind zu unterscheiden von "Bildungsinländern", also ausländischen Staatsangehörigen, die ihre Schulausbildung in Deutschland abgeschlossen haben.
Die Zahl von 367.600 Bildungsausländern im WS 2022/23 ist bemerkenswert — nicht nur als absoluter Wert, sondern im zeitlichen Vergleich: Gegenüber dem WS 2012/13 ist das eine Steigerung von 80 Prozent. Deutsche Hochschulen haben damit erheblich an internationaler Attraktivität gewonnen. Ob das systematisch angestrebt wurde oder sich als Nebeneffekt der Bologna-Reform und des englischsprachigen Studienangebots ergab, lässt sich nicht eindeutig sagen — vermutlich beides.
Gehirnabwanderung: Kehren Auslandsstudierende zurück?
Eine Debatte, die im Kontext des Auslandsstudiums immer wieder aufkommt, ist die sogenannte Gehirnabwanderung. Wenn hochqualifizierte Deutsche im Ausland studieren und danach dort auch arbeiten, verliert Deutschland Humankapital. Statistiken dazu sind schwierig zu erheben, weil Rückkehrentscheidungen individuell und oft verzögert getroffen werden. Klar ist: Wer ins Ausland geht, kehrt nicht automatisch zurück — und für manche ist der Auslandsaufenthalt der Beginn einer dauerhaften Emigration.
Aus sozialpolitischer Perspektive ist die Debatte über Gehirnabwanderung jedoch mit Vorsicht zu behandeln. Sie neigt dazu, den Fokus auf jene zu legen, die gehen — und dabei zu übersehen, dass der Zugang zu internationalem Bildungs- und Arbeitsmarkt höchst ungleich verteilt ist. Für die Mehrzahl der Menschen in Deutschland ist "Gehirnabwanderung" keine reale Option, weil die strukturellen Voraussetzungen fehlen, um überhaupt international mobil zu sein.